Die Sache mit dem Kortison

Als ich meine erste Behandlung mit Kortison bekam, war noch nicht einmal zu hundert Prozent sicher, dass ich MS habe. Es wurde mit verabreicht, um die Sehnerventzündung schneller abklingen zu lassen.

Ich weiß noch genau, wie ich bei dem Wort „Kortison“ zusammenzuckte.

 

Denn wenn ich eines über Kortison wusste, dann, dass man davon aufschwemmt.

Dass eine Kortisonstoßtherapie, also eine solche, die ich wegen der MS bisher immer bekommen habe, gar nichts mit zunehmen zu tun hat, wusste ich natürlich nicht.

Normalerweise werden bei leichten Schüben, wie ich sie bisher hatte, über drei bis fünf Tage 1000mg Kortison verordnet. Das ganze passiert meist über einen Tropf, es gibt aber wohl auch die Möglichkeit, Tabletten zu nehmen. Damit habe ich keine Erfahrungen (wenn du welche hast, rein damit in die Kommentarspalte!).

 

Ambulant oder stationär?

 

Wenn du Glück hast, kannst du wählen ob du die Therapie ambulant oder stationär machen willst. Manchmal, zum Beispiel wenn der Schub vor einem Wochenende kommt, musst du aber wohl oder übel ins Krankenhaus, wenn du dich für das Kortison entscheidest.

Ich habe beides schon gemacht, und glaub mir, ich bin kein Fan von Krankenhäusern… Dennoch hat diese Variante nicht nur Nachteile.

Sturköpfig wie ich war, und auch, weil meine Kollegen damals noch nichts von meiner MS wussten, bekam ich einige ambulante Kortisontherapien.

 

Wie sah eine ambulate Therapie bei mir aus?

 

Morgens um neun zum Arzt, ran an den Tropf. Nach einer Stunde war er durchgelaufen – danach Rucksack schnappen und ab auf Arbeit. Ja ich weiß, schön blöd.

Mein Kopf war matschig, ich fühle mich schlecht… und das nicht nur wegen des MS Schubs.

Das war zu der Zeit, als ich mir noch einredete, die MS würde einfach verschwinden wenn ich die ignoriere. Ja, ja.

Wie sehr das Kortison einen belastet, wollte ich gar nicht erst wahr haben. Und doch kam die Quittung immer bereits nach dem ersten Kortisonstoß, dazu später mehr.

 

Also doch lieber ins Krankenhaus?

 

Ich entschied mich also das nächste Mal gezielt dazu, das ganze übers Wochenende, und zwar stationär zu „absolvieren“. Ich hatte (und habe) einfach das Gefühl, dass es mir im Krankenhaus leichter fällt, zu akzeptieren dass ich gerade krank bin.

Es hilft mir dabei, nichts zu tun – außer zu schlafen, zu lesen, Besuch zu haben. Am besten solchen, der einem viel leckeres Essen mitbringt und einen nicht überfordert.

Auch dass die Therapie genau drei Tage dauert, ist ein Vorteil: Man weiß meistens genau, wann man entlassen wird. Dass man nicht ewig bleiben muss.

Jeder Mensch ist da anders, und viele haben ja eine krasse Abneigung gegen Krankenhäuser… auch okay. Mach was dir gut tut und womit du dich am besten fühlst.

 

Was macht das Kortison mit einem?

 

Aus medizinischer Sicht hemmt das Kortison den Entzündungsprozess und die Reaktion des Immunsystems.

Was bei dieser kurzen Erklärung zu kurz kommt, sind die Nebenwirkungen. Die sind natürlich bei jedem unterschiedlich stark und ganz anders – wie die MS eben auch.

Ich merkte schnell, wie meine geistige Verfassung unter dem Kortison litt.

Kurz und gut: Das Zeug lässt mich jedes mal wieder in das böse tiefe Loch fallen. Ich werde depressiv, ich habe keine Lust auf nichts. Bin antriebslos. Verfluche die Krankheit, bemitleide mich manchmal auch etwas.

Und weißt du was?

Das ist Scheiße, aber irgendwie auch okay. Denn eine Kortisontherapie führt einem nun mal die Krankheit noch mal überdeutlich vor Augen. Selbst wenn du eine Woche, einen Monat oder sogar ein Jahr ohne Schub verbringen konntest: Wenn du Kortison bekommst, dann weißt du, dass da wieder was rumort.

Und dass das einen runterzieht, ist ganz normal wie ich finde.

Man sollte sich die Zeit nehmen, um sich damit auseinanderzusetzen. Dass man den Fakt nicht verdrängen kann, nicht verdrängen sollte – das ist wirklich wichtig.

 

Was aber kannst du in der Zeit der Therapie für dich tun?

 

Als allererstes: Lass dich krankschreiben!! Das gilt natürlich für die ambulante Variante, denn im Krankenhaus sitzt du ja eh fest.

Ich kann dir wirklich nur ans Herz legen, dich so weit wie möglich zu schonen. Und nein, am Schreibtisch sitzen (oder sonst wie arbeiten) gehört nun mal nicht dazu. Das heißt nicht, dass du dich nicht bewegen darfst.

Aber bitte, übernimm dich nicht!

Solltest du die Therapie lieber ambulant machen, dann versuche es zu Hause zu entspannt und ruhig wie möglich angehen zu lassen. Mach es dir gemütlich, empfange Besuch wenn du magst – das bringt einen auf andere Gedanken.

Vergiss Diäten und iss, worauf du Lust hast. Das vertreibt auch den komischen Geschmack im Mund, den zumindest ich davon immer bekomme.

Sage Termine ab, auf die du keine Lust hast.

Es hilft wirklich, wenn man sich in den Tagen einfach etwas in Watte packt.

Gut tun auch kleine Spaziergänge an der frischen Luft, natürlich abhängig von der Art des Schubs.

Wenn du keine Lust auf Gesellschaft hast, kann es eine gute Idee sein, einfach zu telefonieren – dann entscheidest du, wann es dir zu viel oder zu anstrengend wird.

Aber, wie immer – darüber sprechen hilft.

Sei lieb zu dir selbst, setz dich nicht unter Druck. Du musst gerade einfach wieder gesund werden, und du hast alles Recht dazu, dir selbst die Zeit zu nehmen, die es nun mal braucht.

Male nicht den Teufel an die Wand – auch wenn gerade alles aussichtslos erscheint.

Dieses Gefühl wird auch vom Kortison verstärkt. Vielleicht geht es dir, körperlich und auch seelisch, in einer Woche schon wieder besser!

Ich wünsche dir viel Kraft und gutes Durchhalten – und maximale Erfolge bei der Therapie!

***

Du hast Fragen zum Thema Kortison oder möchtest von deinen Erfahrungen erzählen? Dann rein damit in die Kommentarspalte, ich freu mich drauf von dir zu lesen!!

 

 

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4 comments

  1. Du hast nach Erfahrungen in Hinsicht auf “Kortison in Tablettenform” gefragt – hier sind meine:
    Mein erster Neurologe hat mir die Tablette als Alternative zum Tropf angeboten. Bei der notwendigen Menge nahm ich zunächst etliche davon. Kann mich an die genaue Dosis nicht mehr erinnern, da es fast 20 Jahre her ist und an den medizinischen Erkenntnissen sich ja auch vieles geändert hat.
    Diese Dosis wurde dann über unzählige Wochen reduziert (ausgeschlichen)… Mein Neurologe fragte mich nach Therapieende nach meinem Befinden, und antwortete auf meine Aussage “ruhelos und aufgedreht” mit der Frage “Fühlen Sie sich wie auf Koks?!”
    Ich hatte ja schon einiges ausprobiert, aber kein Koks, und so wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte…
    Als Fazit: Für mich waren Tabletten nicht die geeignete Alternative zu 3x 1000ml intravenös.
    Aber das ist wie mit den “1000 Gesichtern” sicher bei jedem anders.

    1. Danke dass du hier deine Erfahrungen mit uns teilst! Kann ich mir gut vorstellen, dass es ätzend ist wenn das Kortison so langsam ausgeschlichen wird…. man ist ja eigentlich froh, wenn man es endlich hinter sich hat.
      Ich wünsche dir alles gute!

  2. Hallo Samira. Ich habe mit voller Begeisterung und Bewunderung deinen Film am Welt-MS-Tag gesehen und war hin und weg von deiner Art und dem Frohsinn, den du versprühst. Hut ab, bleib so. Ich bin absolut angetan von dir, auch wenn ich weiß, dass ich ähnlich denke und fühle. Außer die Sache mit dem Kortison 😉 Mich hat es nach einem Schub 1/4 der Kopfhaare gekostet, es ist zwar alles nachgewachsen, doch das Gefühl in der Dusche mit einem Büschel Haare in der Hand wünsche ich wirklich niemanden. Medizinisch gesehen hat es natürlich geholfen, jedoch habe ich seitdem das Zeug nie wieder angerührt. Mein Neurologe sagt, ich bekomme das nur noch bei “schlimmen” Schüben. Darüber bin ich ihm auch sehr dankbar. Also Ohren steif halten! Liebe Grüße, Mareike

    1. Hey Mareike, danke für das Kompliment 🙂 Es ist immer toll zu hören, dass man anderen hilft mit dem was man tut <3
      Und die Idee, kein Kortison zu nehmen, finde ich absolut richtig, wenn es sich so für einen besser anfühlt... Wie die MS ist ja auch das, was das Korti mit dem Körper macht, von Person zu Person unterschiedlich!
      Alles gute dir

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