Was dich die Multiple Sklerose über Freundschaften lehrt

“Freunde sind die Familie, die man sich aussucht”.

 

Was aber, wenn unsere Freundschaften plötzlich durch den Schock einer chronischen Erkrankung strapaziert werden?

Die Diagnose MS trifft die meisten von uns völlig unerwartet.

Du kannst weder dich, noch deine Freunde auf das vorbereiten, was da in dir schlummert und in deinem Gehirn ab und an viel zu laut Party feiert (und zwar immer genau dann, wenn es am wenigsten passt).

 

Vielleicht stellst auch du dir die Frage, ob die deine Freundschaften das aushalten werden?

 

Bei mir wirbelten nach der Diagnose die Fragen nur so um Kopf herum:

“Werden meine Freunde zu mir stehen, auch wenn ich humple?
Werden sie verstehen, wenn ich mich wochenlang nicht melde, weil die Fatigue mich ans Bett fesselt?
Und wenn ich deswegen auch noch einen dicken Depri bekomme, werden sie mich trotzdem besuchen?

Ich werde doch nichts zu erzählen haben, außer von der Krankheit, dem blöden Biest. Und wer will das schon hören?”

 

Ich sage dir, wer das hören will (und irgendwie einfach auch muss): Deine wahren Freunde.

 

Sie werden dir Schokolade vorbei bringen, wenn du kaum aufstehen kannst. Sie werden dir zuhören und dir ihr Ohr schenken, auch wenn du es ihnen so lange abkaust, bis es ganz wund ist (metaphorisch gesprochen. Bitte versuch das nicht wörtlich umzusetzen 😉 )

Sie werden dich zum Arzt begleiten.

Sie werden auf dich warten beim Treppensteigen, sie werden verstehen wenn du den netten Abend schon um 21 Uhr beendest, weil du fast im sitzen einschläfst.

Allerdings musst auch du bereit sein etwas dafür zu tun. Freundschaften sind nun mal ein Geben und Nehmen.

 

Was du tun musst? Ganz einfach:

 

Sprich mit ihnen drüber. Es ist dann doch mal wieder so einfach: Kommunikation!!

Sie ist der Schlüssel zu wunderbaren Freundschaften, die auch eine MS nicht zerstören kann. Solche Freundschaften können durch die Krankheit fast noch stärker werden.

Sie zeigen, wie sehr man sich gegenseitig Mut machen kann.

Wenn du möchtest, dass deine Freunde dich begleiten, dir zuhören und dir helfen: Frag danach! Erwarte nicht, dass sie dir alles von den Augen ablesen, oder dass sie permanent zwischen den Zeilen lesen.

Eine solche Erwartungshaltung ist für jede Form der zwischenmenschlichen Beziehungen pures Gift.

Gib deinen Freunden einen Hinweis, wenn du über deine Erkrankung sprechen möchtest. Und sag ihnen genauso, wenn du es nicht möchtest.

 

Lass dich nicht ungewollt in Watte packen

 

Viele Freunde neigen dazu, dich nach der Diagnose besonders zu umsorgen und sehr vorsichtig mit dir (und vor allem mit dem bösen Tabuthema MS) umzugehen.

Das ist eine ganz normale Reaktion. Ein Zeichen, dass deine Freunde sich um dich sorgen.

Würdest du anders reagieren, wenn einer deiner Lieblingsmenschen unheilbar erkrankt?

Ich nicht.

Aber auch hier bist du mal wieder deines eigenen Glückes Schmied*in (ich kann es einfach nicht oft genug sagen): Du kannst dich behandeln lassen, als wärest du todkrank – dann wirst du dich auch so fühlen. Klappt super. Hab ich selbst schon versucht.

Du kannst deinen Freunden aber auch genau erklären was MS ist und vor allem, wie DEINE Multiple Sklerose ist.

 

Bitte sie, dich in schubfreien Phasen nicht anders zu behandeln als vorher.

 

Vielleicht wirst du das auch mehrmals tun müssen – der Mensch lernt ja erst durch Wiederholung, nicht wahr. Aber eines verspreche ich dir:

Nach dem zehnten Mal werden deine Freunde aufhören, so zu tun, als wärest du ein zerbrechliches Ei.

Der Grad ist natürlich schmal:

Einerseits möchtest du, dass deine Symptome erst genommen und respektiert werden:

„Ich kann heute nicht schwimmen gehen. Ich kann heute nicht mit in die Kneipe kommen. Ich kann ja noch nicht mal 200 Meter laufen, verdammt.“

Andererseits möchtest du in Phasen, in denen es dir gut geht, auch nicht permanent an deine Erkrankung erinnert werden.

 

Weißt du was? Diesen Zwiespalt kannst du deinen Freunden genau so erklären!

 

Sie werden es verstehen. Sie sind schließlich deine Freunde, also müssen es ja ganz schön tolle Menschen sein. Hab Vertrauen in sie.

Und die Freunde, die es nicht verstehen?

Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber die haben dich dann wohl auch einfach nicht verdient (Ich weiß, ein klassischer Mama Spruch. In dem aber einfach so viel Wahrheit steckt!!).

Wer immer nur den Sonnenschein will, sich aber verdrückt sobald es bei dir mal regnet, der kann dir getrost gestohlen bleiben.

Lieber einen einzigen tollen Freund, als zehn von der Sorte, die nur da sind, wenn grad alles rund läuft.

Lustigerweise ist es auch genau dieser Typ „Freund“, der den Fakt, dass du MS hast, immer komplett ignorieren wird.

 

Auch wenn es schwer fällt:

 

Sich von solchen „Freunden“ zu trennen, fühlt sich manchmal an, als würde man sein funkelndes Abiballkleid endlich auf dem Flohmarkt verkaufen.

Wehmut, Schwelgen in Erinnerungen, glitzernde Momente vor dem inneren Auge… Aber man passt einfach nicht mehr rein.

Befreie dich vom Ballast unnötiger Freundschaften (jetzt noch mehr als sonst), und schätze die wahren Freunde, die an deiner Seite stehen.

Sprich mit ihnen und gibt ihnen die Chance, dir Fragen zu stellen.

Und vergiss nicht, auch ihnen zuzuhören – denn deine Freunde brauchen dich genauso doll wie du sie.

Es ist ein Geben und Nehmen. Es ist deine Wahlfamilie. Die Familie, die du dir selbst ausgesucht hast. Glaube an sie!

***

Wie haben deine Freunde auf deine Erkrankung reagiert? Haben sie dich auch erstmal in Watte gepackt? Hast du dich von Freunden trennen müssen? Erzähl uns deine Geschichte und hinterlasse einen Kommentar!

 

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2 comments

  1. Hallo liebe Samira,
    Schön, dass es einen Blog wie deinen gibt 🙂
    Du sprichst genau die Dinge an, die mir auch unzählige Male durch den Kopf gegangen sind. Schön von dir zu lesen. Werde hier öfter mal vorbeischauen 🙂 ganz liebe Grüße
    Julia 🙂

    1. Hallo Julia, freut mich eine Leserin und eine Unterstützerin unserer gemeinsamen Sache in dir gefunden zu haben!
      Liebe Grüße,
      Samira

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