So sagst du der Grübelfalle endlich den Kampf an

Dass man sich, wenn man an einer chronischen Krankheit leidet, öfters mal Gedanken über sie macht, ist nicht nur normal sondern auch wichtig.

Was aber, wenn die Grübelfalle plötzlich den Tagesablauf bestimmt? Wenn schlimme Gedanken den ganzen Tag vernebeln, man sich zurückzieht und nur noch in seinem eigenen Kopfkino sitzt?

Dann muss etwas passieren, denn viel zu schmal ist Grad zwischen gesunder Reflektion und einer depressiven Verstimmung.

Ich selbst habe mich über ein Jahr lang mit dunklen Gedanken, mit meinem ganz persönlichen Horrorfilm herumgeschlagen. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich dachte, ich spüre meine Beine nicht mehr (was Quatsch war!). Ich konnte mich in meinem sozialen Umfeld nicht fallen lassen, weil ständig und immer die olle MS Wolke über meinem Kopf schwebte.

Ich saß bombenfest in der Grübelfalle.

 

Und auch jetzt bin ich nicht sicher davor, in die Grübelfalle zu treten.

Immer wieder, gerade in aktiven Phasen der Krankheit, ertappe ich mich dabei, wie ich in meinem Kopf all die möglichen, wohlgemerkt die schlimmstmöglichen Szenarien durchspiele.

Das verzwickte ist: Ich lasse sie mir auch nicht von anderen ausreden. Das funktioniert einfach nicht… Sprüche wie : “Das wird schon wieder“, „Du bist doch sonst immer so stark“ und „das kommt bestimmt nur weil du müde bist“ treiben mich in solchen Momenten zur Weißglut.

ABER: Warte mal kurz!

Könnte es nicht auch sein, dass die Ratschläge nicht nur gut gemeint, sondern auch gut sind?

 

Da ich weder meine mentale Gesundheit (Stichwort Depression), noch meine Beziehung oder meine Freundschaften gefährden will, habe ich also angefangen, mich mit möglichst viel Abstand in solchen Situationen zu betrachten (das bracht Übung, dazu später mehr).

Was ich feststellen konnte? Ich kann mich so, und zwar ganz allein, aus der Grübelfalle befreien! Und dann geht es mir besser.

Ja, so einfach kann das sein. Es geht einem besser, wenn man nicht die ganze Zeit grübelt und den Teufel an die Wand malt. Klingt logisch, oder?

Um das zu erreichen habe ich ein paar ganz einfache Gedankentricks angewendet, die hier und da auch Meditationstechniken ähneln.

Versuch doch mal was dir hilft, wenn du möchtest – und dann sehen wir uns auf der sonnigeren Seite des Lebens wieder! Aloha!

 

Erkenne, dass du in der Grübelfalle sitzt

 

Wenn du meinen Blog öfters ließt, weißt du bestimmt schon, dass ich ein absoluter Fan von Anerkennung einer bestimmten Situation bin. Diese bildet den Grundstein, um die Grübelfalle zu verlassen.

Wenn du also abends schlecht einschlafen kannst, weil deine Gedanken sich um deine Krankheit drehen, wenn du im Alltag immer häufiger von deinen Gedanken abgelenkt wirst (zum Beispiel in einem Gespräch) – dann sitzt du wahrscheinlich schon mitten drin.

Das gute ist: Sobald du weißt, was los ist (Grübelfalle), kannst du anfangen, zu handeln, um wieder rauszukommen!

Davon, dass du das möchtest, gehe ich jetzt einfach mal aus. Wir hatten ja abgemacht, dass hier auf Chronisch Fabelhaft nur ganz selten und nur ganz kurz gejammert wird, stimmt’s? 😉

 

Hol dir Support aus deinem Umfeld

 

Keinen Kampf muss man komplett allein durchstehen – so auch nicht den gegen seine Verstimmung.

Mir hilft es, mit meinen Liebsten über meine Grübelfalle zu sprechen. Die Zustimmung, die Unterstützung die man bekommt, wenn man zugibt gerade zu viel zu grübeln, sind ein wahnsinnig großer Motivationsschub!

Natürlich sehen deine Mitmenschen, wenn es dir nicht gut geht, und meist auch, wenn du beginnst in eine Depression abzudriften. Doch oft ist die Hemmung groß, darüber zu sprechen. Man will dir ja nicht zu nahe treten.

Umso größer ist der Support, wenn du stolz berichten kannst, dass du selbst gemerkt hast, dass etwas passieren muss!!

 

Versuche, die negativen Gedanken nicht mehr zu Ende zu denken

 

Bei der Meditation habe ich diese einfache Übung gelernt, die auch wunderbar gegen das Kopfkino hilft:

Mach dir bewusst, dass du deinen Gedanken nicht hilflos ausgeliefert bist. Du bestimmst, was in der Birne passiert – und nicht deine Gedanken. Sei dir da gewiss.

Wenn so viele andere Menschen, ja, sogar 4-jährige Kinder es hinbekommen zu meditieren und ihre Gedanken unter Kontrolle zu bekommen, dann schaffst du das auch!

Bringe also etwas Abstand zwischen dich als Person und deine Gedanken.

Spüre, wenn ein Gedanke kommt und wenn die Grübelfalle wieder aufgeht – und dann sage oder denke „STOPP“ und beende den Gedanken, bevor du in ihm aufgehen kannst.

Es ist wie ein Buch – das du dir aber nur von außen anschaust, ohne es aufzuschlagen.

Dort ist ein Gedanke, und das ist okay – aber du wirst dich nicht mit ihm beschäftigen. Du lässt ihn ziehen, wie ein Schiffchen am Horizont deines Kopfes.

Das ist eine tolle Übung, und ich sage bewusst Übung – da man das ganze mehrmals durchspielen müssen wird, bis man es verinnerlicht hat.

Und wenn man es geschafft hat, ein wenig Abstand zwischen sich und die Gedanken zu bekommen, dass man nicht jeden Gedanken völlig ausleben muss – dann ist das ein wahnsinnig befreiendes Gefühl!

 

Blog über MS
Photo by GoodBY / Erik Schütz

Atme deine negativen Gedanken aus

 

Eine weitere hilfreiche Technik ist diese:

Lege oder setze dich ruhig hin. Das geht besonders gut abends vor dem einschlafen oder auch morgens, um positiv in den Tag zu starten.

Atme ein paar Mal tief durch und versuche, dabei in den Bauch zu atmen. Kehre dann zu deiner normalen Atmung zurück.

Visualisiere nun all die bösen, schlechten, ziellosen Gedanken, die dich ärgern. Stell die vor, wie sie da rumkrabbeln und eine dichte, schwarze Masse bilden.

Hast du sie? Super.

Nun stellst du dir vor, dass du beim einatmen all diese bösen Gedanken aus deinem Kopf heraussaugst. Mit der Ausatmung stößt du nun all diese Gedanken aus. Du atmest all das Schlechte raus aus deinem Kopf.

Du kannst dazu auch „Ein“ bei der Einatmung und „Aus“ bei der Ausatmung denken.

Wiederhole das ein paar Mal: Bei der Einatmung bündelst du die schlechten Gedanken, bei der Ausatmung kommt der ganze Mist einfach gebündelt raus.

Du kannst das nur eine Minute, oder auch zehn Minuten oder länger machen – wie es sich gut anfühlt.

 

Mach deiner Grübelfalle Feuer unterm Hintern

 

Du hast es gerne ein wenig visueller? Kein Problem. Manchen Menschen ist es lieber, etwas „in der Hand zu haben“, als sich nur die Gedanken vorzustellen.

Du kannst die Übung über einen ganzen Tag machen, indem du einfach jedes Mal, wenn negative Gedanken kommen, Das diese auf einen Zettel schreibst.

Schreibe den Gedanken auf, und triff mit dir selbst die Abmachung, danach erstmal nicht weiter daran zu denken. Du hast ja den Zettel, da steht drauf, worüber du noch nachdenken wolltest, also musst du es ja nicht gleich machen.

Fahre so fort, bis du bis abends wohl einige Zettel mit miesen Gedanken angesammelt hast. Wenn es immer der gleiche Gedanke ist, schreibe ihn ruhig jedes Mal wieder auf, wenn er auftaucht.

Schau dir nun die Zettel an und was auf ihnen steht: Was hätte es dir gebracht, wenn du heut den ganzen Tag in dieser Grübelfalle gehangen hättest? Wahrscheinlich hätte es den Tag nur anstrengender gemacht, oder?

Jetzt kommt der beste Teil: Bevor du anfangen kannst, doch darüber nachzudenken, lege die Papiere in eine Feuerfeste Schale – und zünde sie an. Schau zu, wie deine Sorgen einfach für einen Moment verrauchen, wie leicht sie aussehen.

 

 

Natürlich sind die Probleme, also die Multiple Sklerose, damit nicht einfach weg. Darum geht es mir auch gar nicht. Es geht darum, das Beste draus zu machen – und das kann man nun mal nur, wenn man seine Sinne für das Schöne schärft und der Grübelfalle den Kampf ansagt!

 

***

Kennst du die Grübelfalle? Sitzt du auch öfters drin, und hast du Tipps wie man das endlose Nachdenken verkürzen kann? Komm in die Gemeinschaft und teile deine Geschichte mit uns in der Kommentarspalte!

 

 

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3 comments

  1. Hallo Samira,
    Ich bin total beeindruckt von deinem Blog und dem was du schreibst. Ich habe MS seit ich 18 bin, heute bin ich 26 und das schlimmste Symptom ist die Angst und das Grübeln, andere Symptome hatte und habe ich nie gehabt…alles nur im MRT sichtbar. Toll wie du hier Tips gibts und es einfach so auf den Punkt bringst. Ich hoffe sehr dass ich eines Tages auch etwa positiver auf die Erkrankung blicken kann was aber schwer ist wenn man sie ja (zum Glück) nicht zu Gesicht bekommt und nicht weiß mit was man eigentlich lernen soll umzugehen… schwer zu beschreiben 🙂 Lg

  2. Hallo Samira,
    ich habe Deine Sendung bei den Fritzèn gehört und fand es gut und interessant wie Ihr es gestaltet habt. Ich würde sagen, da haben sich die richtigen Moderatoren gesucht und gefunden. Glückwunsch!
    Kurz zu meinem MS-Werdegang: bin jetzt 61 Jahre alt und kämpfe seit ungefähr 27 Jahren mit der Krankheit. Vor 3 Jahre musste ich leider meine Wohnung aufgeben und bin in ein spezielles MS Woh- und Pflegeheim im Norden von Hannover gegangen. Es ist ein kleines Heim mit nur 24 Bewohnern und man wird durch eine “Tagesförderung” gefördert und gefordert.
    Ich kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen, dass ich Deinen Blog sehr gelungen und informativ finde. Hoffentlich lesen ihn viele Betroffene. Das Leben ist nicht zu Ende. Hier fahren z.B. jetzt 4 Bewohner mit ihrem Rollstuhl für 2 Wochen nach Italien in Urlaub. Nochmals, ich fand die Sendung, Deinen Blog und vor allem Deine Einstellung ganz toll 👍. LG

    1. Lieber Peter,
      ich danke dir für das tolle Feedback!
      Klasse dass es ein solches Wohnheim gibt und dass deine “Mitbewohner” nun auch noch in Urlaub fahren!
      Es ist so vieles möglich, wenn man an sich glaubt.
      Alles gute dir
      Samira

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