Mein persönlicher Freiheitsmoment – Pause vom MS Alltag*

*Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation mit der Seite „Leben mit MS”

September 2016, irgendwo an der Atlantikküste Spaniens, noch 90 km bis Santiago de Compostela.

 

Gerade geht über den Bergen und den dunkelgrünen, fast schwarz anmutenden Tälern Galiziens die Sonne auf.

Ich setze meinen Rucksack ab, blicke in die Ferne. Spüre meinen Körper so stark, wie ich es schon lange nicht mehr zugelassen habe. Und eine ungeheure Kraft in mir.

Die Natur um mich lädt mich als einzige Zuschauerin zu einem Spektakel ein – ich selbst habe mich seit einer Ewigkeit nicht mehr so nah bei mir, so wach gefühlt.

 

Mein eigener Freiheitsmoment

Diesen Moment der absoluten Freiheit, des Bei-mir-seins und des Ankommens kann ich mittlerweile wie einen Film vor meinem inneren Auge abspulen.

Ich glaube, ich habe damit meinen eigenen Lieblingsfilm mal eben selbst gedreht. Und nur ich kann ihn sehen, für mich, wann und wo ich will.

Warum ich mich nun entschieden habe, diesen Freiheitsmoment mit dir zu teilen?

Weil ich zusammen mit Leben mit MS zeigen möchte, dass auch nach der Diagnose der Krankheit noch so viele wunderbare Stunden auf dich warten. Auf uns alle.

Im Rahmen der Zusammenarbeit ist ein wunderschönes und berührendes Video entstanden, das am Welt-MS-Tag, dem 31.05., Prämiere feiert – du darfst also gespannt sein!

In diesem Video gilt vor allem eine Botschaft:

Auch wenn man mit Multipler Sklerose lebt, ist ein freies und selbstbestimmtes Leben weiterhin möglich. Ich habe es selbst ausprobiert! Natürlich muss auf dem Gebiet noch viel geforscht werden, und was die Aufmerksamkeit zu dem Thema und die Akzeptanz der Krankheit angeht, ist noch Luft nach oben. Doch davon lassen wir uns nicht unterkriegen!

Wichtig für eine positive Grundeinstellung ist auch, dass wir merken, wie oft wir von Momenten umgeben sind, die unser Leben besonders machen.

 

Wir schauen oft nur nicht genau hin. Und wem kann man das verübeln?

Ich bin da das beste Beispiel.

Ich hetze von einem Job, Termin und Treffen zum nächsten. Anzuhalten, durchzuatmen und auf meinen Körper zu hören – das musste ich erst lernen.

Kennst du das Gefühl? Warte, lass mich raten: Es ist dir, spätestens seit der Diagnose der Multiplen Sklerose, in Fleisch und Blut übergegangen.

MS Patienten haben ja nicht nur den normalen Alltagswahnsinn zu bewältigen, sondern stehen noch vor ganz anderen Problemen und Herausforderungen.

Da ist zum einen die medikamentöse Behandlung, die Zeit und Planung erfordert. Arzttermine, Kontroll MRTs, Tabletten und Spritzen – das alles hält uns ganz schön in Atmen.

Dazu kommt die Ungewissheit, wie es nun mit einem weitergeht. Wie wird die MS verlaufen? Werde ich wie geplant für meine Familie, meine Freunde und auch mich selbst da sein können?

 

Wann werde ich mal wieder das Gefühl haben, einfach nur ich selbst zu sein?

Nicht MS krank, nicht weniger wertvoll, nicht weniger Mensch.

Auch ich lief über ein Jahr als Trauerkloß mit diesen Fragen im Kopf herum, bis ich endlich wieder das angepackt habe, was vorher ein verdammt fabelhaftes Leben war – mein Leben.

Dabei geholfen hat mir, mich wie ein kleiner Bücherwurm 2.0 online zu informieren, viel zu Fragen, und mir selbst Freiräume und Glücksmomente zu schaffen.

Die Kunst besteht nämlich nicht darin, Zeit zu haben (wer hat die schon), sondern darin, sich die Zeit zu nehmen, und sie dann bewusst zu genießen.

Das kann ein Spaziergang mit den Kindern, ein Ausflug zum Strand, ein leckerer Milchkaffee sein… Bei mir war es der Jakobsweg, den ich im letzten September lief.

150 Kilometer, ganz allein. Nur mein Rucksack, meine Füße und ich – die ganze Geschichte kannst du übrigens hier nachlesen.

 

Ich merkte, wie ich runterkam, wie ich wieder bei mir landete. Um es kurz zu machen: Ich war #EndlichWiederIch

Und dass mich keiner, wenn nicht ich selbst mich dazu bringen würde, mir Auszeiten zu nehmen und diese bewusst in meinen Alltag zu integrieren.

Wir alle neigen dazu, ob nun krank oder nicht, die negativen Momente des Lebens viel stärker wahrzunehmen als die positiven.

Wir werten – und fühlen uns mies dabei.

Ich bilde da keine Ausnahme, glaub mir.

Was wir aber tun können: An uns arbeiten. Jeden. Einzelnen. Tag.

Wir können uns hier und da die extra Minute gönnen, um zu reflektieren: Wie geht es mir gerade? Was bringt es mir gerade, zu hetzen, zu schimpfen, mir selbst schlechte Laune zu machen?

Nur so kann man in dem Alltagswahnsinn die Höhepunkte, die Freiheitsmomente freilegen. Schätze wert, was du hast – denn das ist eine ganze Menge.

Genau diese Momente sind es doch, die das Leben so wundervoll machen – oder?

 

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Ist der Welt MS Tag für dich ein besonderer Tag? Hat das Thema in der Öffentlichkeit deiner Meinung nach genug Raum, oder muss da noch viel getan werden? Teile deine Meinung mit mir in der Kommentarspalte!

 

 

 

 

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