Meinen Körper lieben – trotz oder sogar durch MS? Vom Scheitern. Und nicht Aufgeben.

„Wie, du hast Angst dass du von der MS zunehmen kannst? Hast du denn keine anderen Probleme!?“

Doch, schon. Jein. Naja, nein.

Viele werden diesen Artikel von mir nicht verstehen. Ich werde oberflächlich sein, hart zu mir selbst. Ich werde Dinge sagen, die man nicht sagt.

Ich werde ehrlich sein.

Das kostet Mut, und das kostet Kraft, und trotzdem brauche ich genau das heute.

Du hast alle Freiheit, mir einen Vogel zu zeigen, mich eine oberflächliche Tussi zu nennen und danach nie wieder auf meinen Blog zu kommen.

Aber ganz vielleicht erkennst du dich ja auch zu einem Stück weit wieder.

 

„Kann man von MS zunehmen?“

Ob du es glaubst oder nicht: Das war definitiv ein Gedanke, den ich hatte, als ich vor knapp vier Jahren die Diagnose bekam.

Kortison, das schwemmt doch auf, oder?

Der Gedanke, dessen Oberflächlichkeit ich mir absolut bewusst bin, war einfach da. Er gesellte sich zu den vielen anderen Fragen, die plötzlich meinen Kopf sprengen zu drohten. Er war kein kleiner Teil des Kopfkinos.

Nicht mehr Gehen können, Schmerzen haben… das alles erschien mir schlimm. Und doch hatte ich Angst, dass ich von der MS zunehmen werde.

 

Für mich war meine äußere Erscheinung immer auch Teil dessen, was mein Ich definiert.

Dazu muss ich kurz in meine Vergangenheit schweifen: Ich war als Kind immer ein wenig kräftig, nicht dick, aber halt einfach… knuffig. Tja, und dann wurde ich 13, und knuffig war so ziemlich das letzte, was ich sein wollte.

Ich wollte String Tangas tragen, so tun als schmeckten mir Zigaretten und wollte, dass mir die Jungs hinterher pfeifen. Teenager halt. Ich begann also, meinen Körper so lange mit Diäten und Hungerkuren und zu malträtieren, bis er endlich in das Schema passte, was allgemein als „schön“ gilt.

Schlank also, weil schlank = schön, oder?

Ja, für mich war das so. Und ich liebte die neue Anerkennung, die ich bekam, liebte das neue, erschlankte Ich, zu dem ich mich hingebogen hatte.

Mit den Jahren hielt ich mein Gewicht recht konstant. Sport hatte ich nie getrieben, lieber machte ich mal eine Kohlsuppendiät… aber ja, du kannst es zwischen den Zeilen vielleicht lesen: Es hat mich bisher nicht ganz losgelassen.

 

Durch MS zunehmen? Mein (albernes, ich weiß) Horrorszenario

Ich gehöre nicht zu diesen Menschen, die essen können was sie wollen, und trotzdem kein Gramm zunehmen. Ich falle eher in die Kategorie, nur vom ansehen des Essens zuzunehmen.

Was das für mich heißt? Loslassen. Einen Klacks drauf geben. So, wie Theresa in diesem tollen verlinkten Artikel. Chapeau!! Ja, oder halt eiserne, einen zerfressende Disziplin…

Bei all dieser Disziplin grätschte mir die MS Diagnose so richtig schön von der Seite rein. Ich war doch so damit beschäftigt klasse auszusehen – was sollte ich nun also mit einer chronischen Erkrankung anfangen?

Hatte ich nicht schon genug im Kopf? Kalorien, Low Carb, all dieses „wichtige“ Zeug?

Als ich das erste mal im Krankenhaus Kortison bekam, hatte ich solche Angst davor, dass ich von der Therapie und von der MS zunehmen würde, dass ich anfing nur noch Rohkost zu essen.

An sich keine schlechte Idee, gesunde Ernährung ist wichtig – aber verdammt noch mal, in einer solchen Situation braucht man eher eine Tafel Schokolade als Seelentrost als auch noch ewiges Körperbashing!!

durch MS zunehmen

Sport ist klasse – wenn man ihn denn treiben kann!

Ich hatte mich in den schubfreien anderthalb Jahren endlich dem Sport gewidmet. Hatte angefangen, viel zu trainieren, Ergebnisse zu sehen, meinen Körper wieder zu lieben. Endlich mal.

Dann kam der nächste Schub, Krankenhaus, Kortison – und ein Monat, in dem ich kaum meine Wohnung putzen, geschweige denn Sport treiben konnte.

Und so läpperte sich Gramm um Gramm… und ich sah diesen Körper, den ich endlich liebte, weil er so schön und stark und schlank war, plötzlich wieder verschwinden. Sah Trainingseinheit um Trainingseinheit dahinschmelzen, fühlte förmlich, wie diese hart erkämpften Muskeln sich zurück bildeten.

 

Als wäre der Schub nicht schlimm genug, würde ich jetzt auch noch durch die MS zunehmen.

Dachte ich.

Panik ergriff mich, rasante Ideen von Crashdiäten eroberten mein Gehirn wie ein fieses trojanisches Pferd. Ich quälte mich auch in diesem Zustand zum Sport, und tat ich es nicht, hatte ich die schönsten und fiesesten Ausdrücke für mich selbst parat.

Als hätte es nicht gereicht, mich mit dem schwankenden Boden, dem Gefühl eines nicht enden wollenden Katers und meinem tauben Arm herumzuärgern, war ich also auch noch böse zu mir.

Ich wollte mich lieben – und ich schaffte es nicht.

 

Warum kann es mir nicht egal sein, ob man von MS zunehmen kann?

Das fragen sich wohl viele MS Patienten, die Angst haben dass die aufgrund der MS zunehmen könnten. Und ja, es ist tatsächlich so, dass man durch die MS zunehmen kann. Allein schon aufgrund körperlicher Einschränkungen.

Was kann ich, was kannst du machen damit wir endlich mal das tun was wir tun sollten – nämlich mit nichts außer einem Lachen und einem Schulterzucken auf diese körperliche Veränderung zu reagieren?

Puh, schwierige Frage (zumindest für mich).

Gut geholfen hat mir der Film „Embrace“ von Taryn Brumfit, den ich jeder Leserin, die sich hier wiedererkennt, ans Herz legen möchte.

„As a woman, I was told all my life that I needed to be pretty – as if this was the greatest thing I could ever be!“

Dieser Satz rüttelte mich wach.

Was denkst du, wie viel Zeit für die Weltherrschaft hätten wir, wenn wir endlich (verdammt noch mal) aufhören würden, uns über unsere Körper Gedanken zu machen?

 

Ist es denn wirklich so wichtig ob man von MS zunehmen kann??

Ist es denn wirklich so wichtig, dass wir schlank, schön und großflächig haarlos sind? Ich denke nein, und ich möchte und möchte und möchte es glauben. Verinnerlichen.

Wie viele Menschen mit MS leiden schon genug an ihrer Krankheit, unter ihrer Basistherapie, unter dem Gemurmel und Getuschel ihrer Kollegen.

Wäre es da nicht großartig, uns wenigstens vom Markt der Fleischbeschauung nehmen zu dürfen? Unseren Körper zu lieben, dafür dass er funktioniert, und nicht dafür, wie er aussieht?

„Dein Körper ist kein Schmuckstück. Er ist ein Werkzeug“.

Tja, und bei uns MSlern ist das Werkzeug manchmal mehr, manchmal weniger im Eimer.

Doch anstatt uns das durchgehen zu lassen, anstatt zu sagen „Ich liebe dich so, wie du bist“ werden wir mit dem gleichen, irrsinnigen, verletzten Maße gemessen wie ein Laufstegmodel.

Oder zumindest wie all die anderen jungen Frauen, die mehrmals die Woche trainieren und nichts essen, was einen Schatten wirft.

 

Und ja, das tut weh – noch mehr, wenn man nichts dafür kann. Wenn man es nicht ändern kann.

Ich selbst kann es, ich bin fit und treibe Sport und esse gesund… Aber wie viel Raum möchte ich dieser Selbstoptimierung in meinem Leben überhaupt geben? Denn ja, ich habe besseres zu tun. Und ob!

Wie sehr kann ich mich einfach glücklich schätzen, dass mein Körper noch so gut funktioniert? Sollte es nicht egal sein, ob man von der MS zunehmen wird oder nicht?

Blog Multiple Sklerose

Ja. Natürlich. Das sollte es.

Aber diese Nachricht zu verbreiten, das schaffe ich nicht alleine. Dafür brauche ich dich, euch, meine Leser, euch tolle Frauen und Männer.

Ich bin mir sicher, die eine oder andere Person kennt dieses Gefühl. Aber: Wir sind nicht faul. Wir sind nun mal krank. Und nein, das geht nicht weg.

Was aber weggehen sollte, ist dieser ständige Druck der Gesellschaft, der uns sagt, wie wir zu sein haben oder nicht.

Ich arbeite daran, jeden Tag… und ja, es ist hart. Aber der Kampf lohnt sich. Für mich. Für dich.

 

***

Erkennst du dich in dem Text wieder? Hat auch dein Körper sich mit der MS verändert? Hast du manchmal Angst davor, dass du durch die MS zunehmen könntest – oder gibt’s du da gar nichts drauf? Findest du das oberflächlich von mir, und warum? Teile deine Erfahrungen mit mir in einem Kommentar!

 

Ich danke Eddy Kruse für das schöne Titelfoto.

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9 comments

  1. Griaß di, Samira!
    Ja, ich musste schon so einige Male schmunzeln bei dem Text!

    Vor zwei Jahren habe ich innerhalb von 2 Monaten knapp 15 Kilo zugenommen (nein nicht wegen dem Kortison, wegen eines anderen Medikaments) und trotz Medi-wechsel bringe ich die Kilos nimmer runter!
    Aber Scheiß drauf – bis zu dieser Einstellung hat es bei mir Jahre gedauert! Die Diagnose habe ich seit 22 Jahren und meine positive Einstellung zu mir selbst, meinem Körper, meinem Leben habe ich (erst) seit etwa 7 – 8 Jahren! Ein langwieriger Lernprozess, aber ich habe es geschafft!

    Deshalb wirft mich mein Gewicht jetzt auch nicht so sehr aus der Bahn, auch wenn meine Familie eher sportlich und schlank ist und ich mit meinen jetzigen 80 Kilo doch arg aus der Reihe tanze…
    Ich kann doch nichts dafür…. – es ist halt so!

    Ich freue mich schon auf weitere tolle “Geschichten” von dir!

    1. Liebe Nina, finde ich super dass du da so cool mit umgehst. Ich bin mir sicher, auch ich werde an den Punkt kommen – Scheiß drauf! Du sagst es 🙂
      Alles liebe dir
      Samira

  2. Hallo Samira
    vielen Dank für deinen Beitrag. Du sprichst mir direkt aus der Seele.

    Habe seit ich 20 bin chronische Schübe, bin seit 1997 berentet und benötige für weitere Strecken einen e-Rolli. Jahrelang war ich mein größter Feind. Erst durch meinen Mann den ich 2005 auf meimer ersten Reha kennenlernte – der körperlich viel eingeschränkter ist – veränderte ich mich mehr und mehr und bin viel relaxter und dankbar über die Dinge die ich noch machen kann.

    Ich lache viel und unternehme viel … und will und muss nicht “MRS PERFECT” sein.
    Ich lebe seit Jahren schubfrei.
    Genießt das Leben ihr Lieben – es ist herrlich 😉
    Ciao ♡

    1. Hey Sandy, toll zu lesen dass du einen Menschen gefunden hast, der dir so viel Kraft gibt!
      Wünsche euch alles gute.
      Deine Samira

  3. Hallo Samira,
    mein Chef hat meine MS sogar angezweifelt, weil ich dick bin. Er sagte: “Ich kenne eine Frau, die MS hat, die ist aber ganz dünn!” Als müsse man dann krank und ausgezehrt aussehen. Er meint, wenn ich so aussehe, könne es mir so schlecht doch nicht gehen. Dein Artikel spricht mir jedenfalls aus der Seele. Ich habe in den letzten 5 Jahren ca. 20 kg zugenommen und hätte die so gerne wieder weg. Erstens wird man älter und dann ist in diesen Jahren die MS auch etwas heftiger geworden. Ich habe aber jetzt seit ein paar Monaten das Schwimmen entdeckt und hoffe, damit wieder etwas fitter zu werden. Und das nicht nur wegen der Meinung der anderen Menschen, sondern weil auch einfach jedes Kilo einen noch etwas unbeweglicher werden lässt, als die MS es eh schon tut.
    Viele Grüße
    Claudia

    1. Hey Claudia,
      das ist ja mal krass… als ob die MS einen auszehren würde, so ein Mist!!
      Toll, dass du das Schwimmen für dich entdeckt hast und so fit wie möglich bleiben willst. Dich also nicht auf der Diagnose “ausruhst” sondern es selbst in die Hand nimmst – das ist echt bewundenrswert!
      Alles Liebe,
      Samira

  4. Danke für diesen Beitrag! Darin finde ich mich definitiv wieder, auch wenn ich schon immer “Probleme” mit dem Gewicht hatte und mir lange Zeit nicht in den Sinn gekommen ist, dass ich wegen der MS zunehmen könnte.
    Lustig ist, dass ich eine Weile nach der Diagnose ein wesentlich besseres Körperbild von mir selbst entwickelt habe, weil ich dachte: “Scheiß drauf, du hast jetzt echt andere Probleme!”, aber mit der Zeit hat sich das leider wieder ins Negative verändert und nach nun mehr als 10 Jahren MS habe ich das kleine Monster, das mir böse Worte ins Ohr flüstert, weil ich nicht “perfekt” bin, immer noch nicht besiegt.
    Kortison ist immer wieder eine Qual, weil mich das Aufschwemmen (neben den anderen Nebenwirkungen) extrem frustriert. Während der Zeit, in der ich die Infusion bekomme, achte ich sehr auf meine Ernährung (eine Nebenwirkung des Kortisons bei mir ist, dass ich ständig Hunger habe…), trinke viel Wasser und grünen Tee (bloß keinen Kaffee, da dreh ich durch) und vermeide Fett und Süßigkeiten – aber da das alles dank des Kortisons eh nicht schmeckt, ist das gar nicht so schlimm. Leider helfen diese Maßnahmen nur geringfügig. Aufschwemmen tu ich trotzdem und ein paar Kilo nehme ich auch zu. Es macht keinen Spaß – und ja, sicherlich “sollte man sich vielleicht über andere Dinge aufregen als das Gewicht”, aber es ist halt ein Teil des Ganzen, nicht wahr?
    Insofern: Ich finde es super, dass du das Thema hier angesprochen hast 🙂

    1. Das klingt ganz so als verstünden wir uns da super – genau dieses Monster, was einem ins Ohr flüstert, kenne ich nur zu gut!!

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