Mit MS feiern gehen – Warum ich kein Vorbild bin. Sondern einfach nur ich.

Diesen Artikel habe ich lange vor mir her geschoben, weil ich immer wieder selbst zwischen den Stühlen stehe.

 

Mit MS feiern gehen – darauf spricht mich, seit ich den Blog habe, nun auch vermehrt mein Umfeld an.

Denn ja: Ich gehe durchaus mal ins Bars, auf Festivals und in Clubs.

Was soll ich sagen? Ich bin keine Heilige. Ich bin auch kein Vorbild. Ich bin einfach nur ein Mensch, und ich hoffe, dass du mir das nachsehen wirst.

Ich mache Fehler. Ständig.

Damit wir auf der selben Seite anfangen, muss ich kurz einen Ausflug in meine Vergangenheit machen.

Beginnen wir mal im Sommer 2009

Endspurt Abitur, nicht mehr viel zu tun, dafür eine neue Leidenschaft: Techno. Und feiern gehen. So oft wie möglich, so lang wie möglich.

Meine Leidenschaft fürs Ausgehen führte mich zu meiner Ausbildung zur Eventmanagerin in einem der bekanntesten Clubs Berlins.

Ich war, ich bin ein Kind des Nachlebens. Und kein Kind von Traurigkeit. War ich noch nie. 

Meine Freundschaften, meine Beziehungen, meine Arbeit – alles spielte sich oft weit nach Mitternacht ab, oft mehrere Tage in der Woche.

Mit MS Party
Picture by Ursula Rogg

Mit MS feiern gehen – geht das überhaupt?

Als 2013 die Diagnose MS gestellt wurde, wirbelte das mein bisheriges Leben ganz schön durch. Natürlich war ich mittlerweile nicht mehr jede Nacht unterwegs, allein schon weil ich ja nun auch einen festen Job hatte – aber die Wochenenden wurden immer noch durchgetanzt.

Unter der Woche stand der eine oder andere Abend mit Freundinnen an, an denen Kette geraucht und Rotwein getrunken wurde.

Und plötzlich war da diese Diagnose, dieses Monster im Raum. Ein Monster, vor dem ich eine riesige Angst hatte. Wie würde es mein Leben verändern?

Bei jeder Zigarette, die ich rauchte, quälte mich ab nun (zurecht) das schlechte Gewissen. Ganz ehrlich – sie schmecken nicht, wenn um dich herum lauter Menschen im Rollstuhl oder am Tropf sitzen, während ihr euch die kleine Raucherinsel vorm Krankenhaus teilt. Ist so.

Ich versuchte also weniger zu rauchen, ich versuchte es wirklich… Mit Nikotinpflastern, mit bettelnden Anrufen bei der Krankenkasse, man möge die Kosten übernehmen… vergebens.

Und wenn ich ehrlich bin: Wenn ich es so doll versucht und vor allem gewollt hätte – dann hätte ich auch aufgehört. Das ist die bittere Wahrheit. Niemand MUSS rauchen. Davon bin ich überzeugt.

 

Inwieweit sind Alkohol, rauchen und mit MS feiern gehen Genuss – und in wie weit schädlich?

Das ist wohl eine der essentiellen Fragen. Fakt ist: Keinen Alkohol zu trinken ist besser. Nicht zu rauchen ist definitiv besser. Zehn Stunden Schlaf pro Nacht sind besser als fünf.

Aber bist du manchmal auch so stur wie ich, und fragst dich, was denn bitte noch Spaß machen soll im Leben wenn man sich alles verbietet?

Ich bin eine Person, die noch nicht mal 30 ist, die wie gesagt schon immer im Nachtleben unterwegs war. Die immer schon gerne mit Freunden das eine oder andere Glas getrunken hat (wenn du mir jetzt böse Briefe schreiben willst, dann gerne, nimm einfach das Kontaktformular).

Ich weinte nicht wenige Tränen darüber, dass das nun „alles vorbei“ sein würde. Mit MS feiern gehen – das geht doch gar nicht.

Ich sah mich einsam mit einer Tasse Tee die Freitag Abende vor dem Laptop verbringen, und dieses Bild machte mir damals wirklich Angst. Denn wenn das ganze Umfeld aus Leuten besteht, die jede Nacht durch die Clubs rennen, dann passt man mit MS plötzlich nicht mehr rein.

 

Mit MS feiern gehen – gibt es einen Mittelweg zwischen Sofa und 3 Tage wach?

Na aber klar doch. Du wusstest, ich würde diesen Artikel nicht ohne Wendung abschließen, oder? 😉

Genau diesen Mittelweg gibt es, und ich bin immer besser darin geworden, ihn zu gehen.

Konkret heißt das: Weniger rauchen… deutlich weniger. Oder: Mal mehr, mal weniger, aber nicht mehr so konsequent und ohne drüber nachzudenken, wie davor.

Finde ich es toll, überhaupt noch zu rauchen? Nein, glaub mir. Ich weiß, es ist verdammt bescheuert. Aber ich schreibe diesen Blog nicht, um dir was vorzulügen (hier noch mal der Hinweis auf das Kontaktformular oder Kommentarfeld, wenn du mir gerne nochmal erklären willst, dass ich bescheuert bin. Nur zu!).

Wie ich schon am Anfang meinte: Ich bin keine Heilige. Ich bin kein Vorbild – ich bin ich, und ich mache ständig Fehler. 

Ich habe mir, um die Zigaretten zu reduzieren eine E-Zigarette gekauft, mit der ich Nikotinfrei dampfe… das hat bisher schon mal super funktioniert.

Blog MS

 

Der Mittelweg heißt auch: Nicht mehr jedes Fest zu feiern, wie es fällt.

Kennst du den tollen Begriff der „Fear of missing out“ (Angst, etwas zu verpassen) oder auch kurz FOMO?

Ich habe durch die MS geschafft, meine FOMO zu besiegen. Während alle durch die Clubs toben, sitze ich lieber mit einer Tasse Tee (oder auch mal einem Glas Rotwein, verdammt) vor dem Laptop und schreibe. Oder schaue einen Film. Oder gehe mit Freunden oder meinem Liebsten in Restaurants.

Ich muss nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen. Ich muss nicht mehr überall gewesen sein.

Darüber freut sich nicht nur meine Gesundheit, sondern auch mein Geist. Mit MS feiern gehen heißt doppelte Belastung – es runterzuschrauben tut wahnsinnig gut

Statt mit einem dicken Kopf zu kämpfen, renne ich morgens nun lieber eine Runde um den Block oder gehe ins Fitnessstudio.

Statt meine Wochenenden durchzufeiern, gehe ich nun auf den Wochenmarkt, treffe Freunde (also die Freunde, die auch tagsüber ein Leben haben), führe einen erfolgreichen Blog und habe gelernt, die Stimme meines Körpers zu hören, statt sie zu betäuben.

Blog MS
Picture by Erik Schütz / GoodBY

 

Mit MS feiern gehen? Die Menge macht das Gift!

Natürlich gehe ich auch noch gerne in Clubs, gehe aus, gehe in Bars. Zumindest fühlt sich das für mich natürlich an, denn aus mir ist ja durch die Diagnose nicht gleich ein anderer Mensch geworden. Soweit kommt es noch.

Aber: Wenn ich jetzt ausgehe, dann kann ich es mehr schätzen. Weil es was besonderes ist, weil ich mir selbst die Erlaubnis gebe, mich auch nach dem zweiten Cocktail nicht zu schämen.

Denn ich weiß: Es ist etwas besonderes. Ich muss mir nicht alles verbieten, wenn ich alles in Maßen tue – finde ich zumindest. Das ist mein ganz persönlicher Fahrplan. In einem Turmzimmer mit einem Vorhängeschloss auf dem „MS“ steht, weitab vom Trubel Berlins, habe ich einfach nichts verloren.

Ich bin keine Heilige. Ich bin kein Vorbild – ich bin einfach nur ein Mensch. Ich mach Fehler.

Du auch?

***

Wie stehst du zum Thema „mit MS feiern gehen“? Ist es für dich überhaupt eines? Rauchst du, trinkst du ab und an Alkohol und schämst du dich manchmal dafür, weil du weißt, dass es nicht das Beste für die MS oder sogar sehr schädlich ist? Was sagt dein Arzt dazu, was sagt dein Umfeld? Lass uns drüber sprechen, hinterlass mir einen Kommentar!

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2 comments

  1. Momentan liege ich mal wieder mit einem Schub, nach einer Stoßtherapie, flach. Grübelnd über den Sinn und Unsinn des Lebens und der MS den Therapiemöglichkeiten und meinen normalerweise ungebremsten vor Stress triefenden Lebenslauf …. Dann stoße ich auf deinen Blog und möchte einfach nur “Danke” sagen. DANKE für die Infos die du zur Verfügung stellst. DANKE für deine ansteckend tolle Laune und deinen Lebensfrohsinn. DANKE für deine Tipps. DANKE für deine Ehrlichkeit. Ich habe durch dich nun neue Denkanstöße erhalten und werde deinen Rat zu schreiben sicher in die Tat umsetzen.
    Mach weiter so, dein Blog ist Gold wert!!
    Ich wünsche dir alles Gute.

    PS : Mir hat die Hypnose sehr geholfen meiner Nikotinsucht Herr zu werden. Absolut kein Verlangen mehr.

    1. Vielen Dank für dieses wunderbare Feedback, da bekomme ich ja glatt eine Gänsehaut!!
      Ich hoffe, dass es bei dir ganz fix wieder bergauf geht – denn das tut es immer irgendwie 🙂
      Seit zwei Wochen bin ich rauchfrei, habe mal wieder den lieben Allan Carr gelesen. Und es fühlt sich so, so gut an!! Hurra!!

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