Lärmempfindlichkeit bei MS – Wenn jedes Geräusch zur Qual wird

Man kann einem Menschen leider auf vielen Wegen Schmerzen zufügen. Schmerzen, die manchmal rein psychisch, aber deswegen nicht weniger existent oder bedrohlich sind. Bei Menschen mit MS kommt oft noch ein weiterer Angriffspunkt hinzu. Einer, der sich kaum abschalten oder unangreifbar machen lässt. Und dieser Angriffspunkt sind die Ohren.

Konkret: Unsere Lärmempfindlichkeit bei MS kann zu unglaublicher Pein werden.

Sie ist eines dieser Symptome, die zu erklären wahnsinnig schwierig ist, und dessen Vorhandensein wir selbst uns oft nicht sicher sind (ich bin nicht die einzige, die hier regelmäßig denkt sie spinne, oder?!). Eines der Symptome, das kein Arzt wirklich ernst nimmt (haben besseres zutun), und das man uns auch nicht so richtig glaubt. Wir werden dann als neurotisch empfunden, als Spaßverderber, als Meckertanten. 

 

Man glaubt uns die Lärmempfindlichkeit bei MS schlichtweg oft nicht.

Dann stehen wir da, mit dröhnendem Kopf, dröhnenden Ohren, und wissen gar nicht wohin mit uns. Aber lass mich dafür kurz an einem Beispiel erklären (oder an drei Beispielen, oder an hunderten?), wie sich eine solche Lärmempfindlichkeit bei MS anfühlt.

Stell dir vor, du steigst in ein Taxi. Du hattest einen anstrengenden Tag (wie ja irgendwie dann doch immer), du bist einfach nur erschöpft. In deinem Kopf eine dampfende Tasse Tee und dein Sofa, dazu maximal leise Jazzklänge oder eine ruhige Unterhaltung mit dem Partner. Mehr nicht.

Leider sieht das dein gut gelaunter Taxifahrer, aber ganz, ganz anders. Denn der hat Bock auf Musik. So richtig. Er hört irgendeinen Radiosender. Was läuft ist eigentlich egal: Sei es Deathmetal, Klassik oder Reggae. Ja, sogar dein Lieblingslied. Ganz egal was kommt: Es ist ZU LAUT. Und zwar in so einem Maße, als wäre die Musik eine Wand, eine messerscharfe Druckwelle, die sich nach hinten zu dir auf den Rücksitz ausbreitet. Eine Welle aus Schreien, als unglaublichem Lärm. Alles klingt nach Baustelle, nach Kreissäge, nach Schienenquietschen. Der Inhalt ist dabei ganz egal, es geht wirklich darum, wie VERDAMMT LAUT UND NAH diese Musik, die Werbung, das Geschrei des Moderators ist. Du willst dir einfach nur die Ohren zuhalten, du kneifst die Augen zusammen, du versuchst panisch, irgendwie diesem Lärm zu entfliehen oder dich abzulenken. Du scheiterst. Vorprogrammiert.

Hilflos bittest du den Taxifahrer um Erbarmen. Er dreht verstimmt am Laustärkeknöpfchen – doch irgendwie hast du das Gefühl, dass es einfach nicht so richtig leiser wird. Auch wenn du siehst, wie die „Volume“ Anzeige von 24 auf 18 runtergeht. Irgendwie wird es einfach nicht weniger laut, nicht weniger anstrengend, nicht weniger bedrängend. Jetzt hast du eventuell, weil du dich kennst, einfach immer Ohropax dabei (so wie ich), oder du musst aussteigen. Wirklich.

Lärmempfindlichkeit bei MS

 

Denn deine Lärmempfindlichkeit bei MS macht, dass dieser Krach, ja, jeglicher Krach, sich einfach schrecklich anfühlt.

Blanke Panik. Fluchtgedanken. Hilfesuchende Rundumblicke. In diesem Moment ist es, ein bisschen wie beim imperativen Harndrang, oftmals wirklich sehr schwer, die Kontrolle über das eigene Verhalten zu bewahren. Ich werde in solchen Momenten oft aufbrausend, ich werde gemein, ich werde – so wirkt es sicherlich – egoistisch und wild wie eine Furie. 

Weil die Musik in dem Moment nicht leiser gemacht werden muss. Sondern AUS. Weil ich das schreiende Kind neben mir einfach nicht mehr süß finden kann – sondern einen anderen Sitz im Flugzeug brauche. Und zwar schnell.

Ich weiß, dass meine Mitmenschen mich in diesen Situationen manchmal einfach nur hassen. Bitte, bitte glaubt mir doch: Ich hasse mich in diesen Momenten nicht weniger.

 

Denkt ihr, ich bin gerne die Partykillerin? Die Spaßverderberin? Die Kinderanschnauzerin?

Natürlich nicht! Aber leider fühlt sich euer, wahrscheinlich gar nicht mal so lauter (oder wie bei einem Kind nun mal einfach unvermeidbarer) Lärm so an, als säßet ihr mit einem verdammten Presslufthammer in meinem Gehirn. Und zwar nicht nur von der Lautstärke her – nein, es bereitet mir wirklich Schmerzen. 

Mein Körper verkrampft. Meine Ohren beginnen zu rauschen. Nicht selten kommt auch noch Schwindel hinzu. 

Manchmal habe ich dann echt das Gefühl, dass da etwas bei mir im Oberstübchen nicht richtig stimmt. Weil mir der Lärm so, so wehtut. Weil ich das Gefühl habe, dass er mich krank macht.

Und nein – es hilft nicht, „mich einfach mal zu beruhigen“. Es hilft auch nicht, „an was anderes zu denken“. Denn wie gesagt: Ich kann es nicht steuern! Ich kann es nicht kontrollieren. Wenn ich es könnte, dann würde ich mich doch nicht absichtlich ein eine solche Situation bringen! Dann hätte ich, so viel dürft ihr mir ruhig zutrauen, schon längst gelernt, wie ich es abschalte. Denn ich möchte euren Lärm ja nicht störend empfinden. Aber leider hat man mir da keine Wahl gelassen.

Lärmempfindlichkeit Multiple Sklerose

 

Ich habe eine chronische Krankheit bekommen, und damit auch die Lärmempfindlichkeit bei MS, unter der viel mehr Patienten leiden, als man es sich vorstellen mag.

Denn oft wird diese Lärmempfindlichkeit ja eher einer gewissen neurotischen, ja fast masochistischen Veranlagung und nicht einer chronischen Erkrankung zugeschrieben. Denn nach außen sieht es genau danach aus: Wir schreien, wir schimpfen, wir bedecken uns hilflos mit unseren Händen die Ohren. Weil wir einmal, nur einmal kurz, einfach nur eines wollen:

Ruhe.

Wie du vielleicht beim lesen dieses Artikels merkst, habe ich selber einiges an Erfahrung mit der Lärmempfindlichkeit bei MS. Ein Patentrezept, oder meine „5 besten Tipps“, kann ich dir leider aber nicht verraten. Denn ich habe sie nicht.

Mein einziger Tipp, und der ist weiß Gott keine Erleuchtung (und dennoch in solchen akuten Situationen lebensrettend), sind Ohropax aus Wachs. Lebensrettende, heilige Ohropax. Mein Anker. Mein Rettungsring.

Die habe ich immer einstecken. Ich habe wirklich immer Ohropax dabei, und ich schrecke nicht davor zurück, diese auch zu benutzen. In öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Club. Im Flugzeug. Im Taxi. Ja, sogar wenn mich jemand unaufhaltsam zutextet. Ganz im Ernst: Rein mit den Stöpseln, und gut ist. Tut mir leid. Nicht.

 

Ohropax haben mich schon in so manchen Situationen gerettet.

Vor allem in Kolumbien, wo ich gerade war, ist der Lärm nochmal 100-fach stärker, einfach weil es eine andere Kultur ist, in der Laut = Gut bedeutet. Da kam ich einfach nicht gegen an. Wie oft ich nachts, vor Verzweiflung ob der Lautstärke der Nachbarn weinend (wirklich), im Bett lag und einfach nicht mehr konnte – Ich habe aufgehört zu zählen.

Nein: Es macht mir keinen Spaß mich zu beschweren. Es macht mir nämlich keinen Spaß zu leiden. Aber dank meiner Lärmempfindlichkeit bei MS habe ich manchmal einfach keine Wahl.

Bitte: Verurteile mich nicht dafür. Es liegt nicht an deiner Musik, oder daran, dass ich dir deinen Spaß nicht gönne. Ich kann es nicht ändern. Dabei will ich es so gerne.

Hast du Ideen?

*** 

Dieser Aufruf ist durchaus ernst gemeint – wenn du Tipps hast, wie wir Betroffenen besser mit der Lärmempfindlichkeit bei MS umzugehen lernen, dann hinterlass bitte einen Kommentar – vielleicht hast du ja eine Geheimwaffe? Danke dir!

 

Und sorry, dass ich mich heute mal bei dir ausweinen musste. Nächstes mal gibts, ganz chronisch fabelhaft, wieder etwas motivierendes von mir :*

 

*Dieser Text enthält Affiliate – Links! Das heißt, dass ich eine kleine Provision bekomme, wenn du ein von mir empfohlenes Produkt kaufst. Für dich ändert sich am Kaufpreis rein gar nichts! Sieh es einfach als kleines Dankeschön von dir an mich an 🙂 Wenn du das doof findest, kannst du das Produkt natürlich auch ganz einfach selbst bei Amazon suchen. No Problemo. Wenn du es über den Link bestellst – Danke! So hilfst du mir dabei, noch mehr Liebe, Zeit und Herzblut in chronisch fabelhaft zu stecken! 

 

MS Buch

5

2 comments

  1. Ich hatte das Problem jahrelang, niemand hat es so richtig ernst genommen. Der HNO hat nichts feststellen können, der Neurologe meinte nur, das hänge nicht mit der MS zusammen. Auch hatte ich seit Jahren schon Probleme mit Ohrgeräuschen und zwar richtig heftige, und in jeder Form – piepsen, brummen, dröhnen, ich kenne sie ALLE. So und jetzt kommts- ich danke dir vielmals für den Artikel denn mir ist gerade bewusst geworden, dass dies nun alles der Vergangenheit angehört. Seit dem Coimbraprotokoll. Wieder was Neues, was ich gar nicht unbedingt rein der MS zugeschrieben hätte hat sich in Luft aufgelöst. Ich bin nicht mehr empfindlich bei Lautstärke (ok, Konzerte und Co mal ausgeschlossen, aber das ist jedem meistens zu laut…) und ich habe auch keine Ohrgeräusche mehr. Ausser vielleicht wenn meine Nase komplett verstopft ist aber das ist was anderes 😉 Also lautet mein Tipp: CP und Geduld. Liebe Grüße

  2. Diese Lärmemfindlichkeit hat mir meine MS-Diagnose gesichert und mich vor einer Augen-OP wegen dem Doppelsehen bewahrt.. Trozdem war die Zeit, in der sich das Zusammenknüllen von Plastikfolie wie Nadelstiche im Gehirn angefühlt haben, eine meiner unangenehmsten Erfahrungen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.