MS: Der Feind in meinem Körper? Mein Körper als Feind? Schluss damit!!

„Manchmal habe ich das Gefühl, als richte sich mein Körper gegen mich“.

 

Diesen Satz sagte ich letztes Jahr in einem Interview, aus dem dieser tolle Film entstand. Wenn ich diese Worte heute lese, dann verstehe ich warum ich sie gesagt habe. Aber verstehe auch, warum ich aufgehört habe, die MS als Feind in meinem Körper und damit meinen Körper als Feind anzusehen.

Ich habe es geschafft, und du kannst das auch. Und weil sich das toll anfühlt, gehen wir es heute gemeinsam an: 

Lass uns den wahren Feind in meinem Körper und in deinem Körper zur Rede stellen. Lass ihn uns rausködern, nackt und bloß machen – und dann unseren Körper an sich wieder als Freund verstehen. Das schaffen wir, zusammen. Aber fangen wir von vorne an.

 

Multiple Sklerose – der Feind in meinem Körper.

 

Das hat man schon so oft gehört und gelesen, und es macht Sinn: MS sorgt dafür, dass unser Immunsystem überreagiert und die Ummantelung der Nervenzellen zerstört, weil es diese für einen Virus oder ein Bakterium hält. Der Körper zerstört sich selbst, kurz gesagt.

Die Multiple Sklerose als Feind in meinem Körper zu betrachten, macht also theoretisch Sinn. Ich habe es mir aber anfangs noch leichter gemacht, und irgendwie ein paar Tatsachen verdreht – und so dachte ich lange, mein Körper sei der Feind. Nicht, was in ihm steckte, sondern mein Körper an sich.

Meine Beine, wenn sie mal wieder taub und kribblig waren. Meine Augen, wenn sie eine Sehnerventzündung hatten (und mir neuerdings eine – immerhin sehr schicke – Brille aufnötigen, wie man hier auf Instagram sehen kann). Mein ganzes verdammtes (sorry) Gehirn, wenn es mich mal wieder auf eine unfreiwillige Schwindelpartie schickte, die mich tagelang nicht loslässt. Mein Körper, so hatte ich manchmal das Gefühl, blamiert mich und blamiert mich noch immer. Wenn ich ein Glas umstoße, gegen Möbel renne oder zum zehnten Mal in einer Stunde pinkeln gehen muss. 

Ist es da verwunderlich, dass ich nicht nur die MS als Feind in meinem Körper sondern gleich meinen Körper als meinen Feind abgestempelt habe? Ich hoffe, du siehst es mir nacht. Vielleicht verstehst du es ja sogar ein bisschen? Es viel zu schmerzhaft leicht, sich gnadenlos zu hassen, wenn die MS mal wieder aufmuckt. Man hasst sich dafür, dass man sie hat, und man hasst seinen Körper dafür, dass er einem so etwas antut.

 

Ich beschloss also, meinen Körper mal zu zeigen, wo der Hammer hängt.

 

Ich schlaues Ding. Denn natürlich würde ich mich, so dachte ich, von meinem Körper und seinen MS induzierten Kapriolen nicht unterkriegen lassen. Natürlich würde ich nicht tun, was er von mir verlangte, und würde ich nicht aufgeben, würde ich kämpfen kämpfen kämpfen. Dass ich nicht mit meinem Körper gegen die MS, sondern trotz MS gegen meinen Körper kämpfte und ihm somit noch mehr Leid zufügte, das blickte ich irgendwie nicht (und, ganz ehrlich, das fällt mir immer noch manchmal schwer). 

Ich wollte ihm also zeigen, wer hier der Boss ist. Und deswegen malträtierte ich ihn mit allen mir zu Verfügung stehenden Mitteln: Ich rauchte. Wie ein Schlot. Obwohl alle die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, obwohl ich mich (still und heimlich) doch dafür schämte, redete ich mir ein, die Glimmstängel zu genießen. „Das, du oller Körper, wirst du mir nicht auch noch nehmen“, dachte ich. Und so rauchte ich, und schadete damit nicht nur meiner MS, sondern natürlich auch meinem Herz, meiner Haut, meinen Lungen, meinen Augen … Also all den Dingen, die eigentlich nicht wirklich was für die MS konnten. Aber das war mir egal.

Ich arbeitete auch weiterhin 40 Stunden die Woche. Oder, seien wir mal ehrlich, eher 50-60 Stunden die Woche, wenn man die Geschäftsreisen, Veranstaltungen und meine Nebenjobs dazuzählte, dich ich machte, um mir Geld für meine Weltreise und meinen Absprung aus dem Hamsterrad der Festanstellung anzusparen. Ich ackerte wie eine blöde. Ich nahm jeden Job an, den ich kriegen konnte. Auch wenn ich todmüde und erschöpft war, schleppte ich mich zur Nachtschicht und danach nach 4 Stunden Schlaf wieder ins Büro. 

Ja, ich brauchte das Geld. Aber ich wollte dem Feind in meinem Körper auch zeigen, wer hier die Regeln macht. „Mich kriegst du nicht klein“, dachte ich. 

Blasenprobleme bei MS

Damit tat ich mir weh – mir selbst. Ich hasste ihn, den Feind in meinem Körper. 

 

Und meinen Körper gleich mit. Wie ein kaputtes Fahrrad, das einen wütend macht, weil es einen nicht mehr zuverlässig von A nach B trägt, sondern auch noch hin und wieder etwas Öl und neue Bremsbeläge fordert.

Ich versuchte, ihn mit allen möglichen Mitteln auszubooten und zum schweigen zu bringen. Bitte verzeih mir, Körper. Ich habe das damals nicht so gemeint. Warum ich nicht verstanden habe, dass ich gerade alles nur noch schlimmer mache? Keine Ahnung. Ich dachte wohl, wenn ich mich nur lange und doll genug gegen diesen neuen Feind in meinem Körper, gegen die Verschwörung meines Immunsystems gegen mich selbst wehren würde, dann hörte es irgendwann auf.

Schlaues Kind. Nicht. Denn: MS hört nicht auf. Sie geht nicht weg, und je doller und wilder und verbissener ich mich gegen sie wehrte, desto schlimmer wurde sie.

Nachdem ich zwei Jahre lang so getan hatte, als wäre die MS nicht da, und mich dennoch fast diebisch über all meine „tollen“ Ideen freute, meinem Körper eins auszuwischen, verpasste mir die MS einen Denkzettel. Neuer Schub. So nicht, junge Dame, schien die MS zu sagen.

Und plötzlich litten wir doch zusammen, mein Körper, meine Seele und ich.  Und ich spürte zum ersten mal, dass ich würde anfangen müssen, nicht den Feind in meinem Körper zu sehen. Ich verstand plötzlich:

 

Ich selbst bin mein Körper, und mein Körper ist mein Freund. Und dein Körper ist dein Freund.

 

Nein, die MS, die ist nicht unsere Freundin, die blöde Kuh. Logisch nicht. Aber: Unsere Körper sind es. Sie tun, was sie können, um uns irgendwie am laufen, rollen oder humpeln zu halten. Hey: Immerhin! Unsere Körper finden die MS genau so besch… wie unsere Seele. Glaub mir.

Vielleicht kannst du ja über meine Dummheit schmunzeln. Das ist okay für mich, ehrlich, solange du mir eines versprichst: Mach bitte nicht den selben Fehler wie ich.

Dein Körper und du, ihr seid ein Team. Je schneller du beginnst, MIT statt GEGEN deinen Körper zu arbeiten, desto schneller wirst du erkennen, was alles noch geht. Desto schneller wirst du lernen, deinen Fokus neu zu setzen, die Gewichtung der Dinge, die dir den Alltag erschweren – oder erleichtern.

MS Symptome

 

Dein Körper ist toll. Ja, er ist nun mal einfach krank – aber dafür kann er nichts!

 

Deswegen solltest du ihm nicht böse sein. Du solltest ihn trösten, ihm einen Tee machen, ihn streicheln. Wie ein Kind ist dein Körper, das denkt, es hätte was böses gemacht. Es ist deine Aufgabe ihm jetzt zu zeigen, dass du ihn trotz allem liebst. Und dass du weißt, dass er das nicht persönlich meint. Um so schneller wird er aufhören zu weinen und mit dir zusammen arbeiten, so gut es geht.

Liebe deinen Körper. Sei gut zu deinem Körper. HÖRE AUF DEINEN KÖRPER! Es bringt euch (also dir und deinem Körperfreund) nichts, wenn du ihn sofort mit Stress, Nikotin, Arbeitswut, Probleme-reinfressen oder sonstigen schädlichen Verhaltensweisen zum schweigen bringst, sobald er sich meldet und dir zeigt, dass es gerade eine Baustelle in dir gibt. Deinem Kind würdest du doch auch keine Backpfeife geben, sobald es ein bisschen nörgelt, oder??

Also: Lass deinen Körper zufrieden. Finde Frieden. In ihm. Er ist dein Gefährt, aber auch dein Gefährte. Bewege ihn, soviel es geht. Ernähre ihn gesund. Bring ihn zum Arzt wenn es ihm nicht gut geht – ja, auch wenn das jede verdammte Woche so ist. 

Sei nicht selbst der noch größere Feind in deinem Körper, als es die MS schon ist. Du und dein Körper, ihr habt mit diesem ungebetenen Gast echt schon genug zutun. Zusammen.

 

 

***

Wie hat sich deine Beziehung zu deinem Körper verändert, seit du MS hast? Siehst du die MS auch als Feind in deinem Körper oder gar deinen Körper als deinen Feind an? Warum? Teil deine Geschichte mit uns und hinterlasse ein Kommentar!

 

MS Buch

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7 comments

  1. Genau so habe ich es auch gemacht 😯 arbeiten,arbeiten…Ernährung? Mir egal…immer nur unterwegs. Ersten Symptome einfach mal weggelächelt und vor 4 Monaten voll die Quittung bekommen. Ich habe mich dafür gehasst, dass ich so naiv war, zu glauben es geht wieder und sie muss einfach da durch. Ich hätte echt schlauer sein sollen nach 17 Jahre ms Erfahrung, aber so zeigte sie mir den Stinkefinger “hey ich bin auch noch da blöde kuh”. Ich bin jetzt in der Phase, sie neu kennenzulerne. Wieder zu akzeptieren und gemeinsam den richtigen weg mit ihr zu gehen. Liebe grüße jenni
    P.s: ich finde deinen Blog sehr inspirierend und Macht immer sehr mutig, stark. Man fühlt sich nicht so alleine 😉😇

  2. Jetzt sitze ich auf der Arbeit in der Mittagspause und habe Pipi in den Augen.
    Aber das ist egal.

    Ich danke dir von ganzem Herzen für’s Wachrütteln.

    1. Liebe Finja, ich danke dir von tiefstem Herzen! Irgendwann müssen wir aufwachen, um wieder eins mit unsrem Körper zu sein. Toitoitoi für deinen Weg!!

  3. Hey Samira,
    ich hatte gerade beim Gassi gehen wieder eine Schwindel Attacke vom feinsten. Nächste Sitzgelegenheit gesucht und als es schlimmer wurde Hilfe geholt. In solchen Momenten verspüre ich Wut auf meinen Körper. Ich bin noch nicht so weit, dass konstant anders zu sehen. Wie reagierst du in solchen Situationen? Was sagst du zu dir um positiv zu bleiben? Ich finde es so schlimm, oft Hilfe zu benötigen und damit eine Last für andere zu sein.
    Danke für deinen Blog und deine positive Art.
    LG Katharina

    1. Liebe Katharina, es ist wohl mit am schwersten, wenn man sich ungewollt auf Hilfe angewiesen fühlt. Ich selbst hadere da auch immer wieder mit mir…. Die Gut verspüre ich auch. Aber ich frage mich in einem solchen Moment: Was bringt mir die Wut? Was ändert meine Wut an der Situation, in der ich mich befinde? Macht sie, dass ich mich gut fühle? Oder macht sie, dass ich mich schlecht fühle? Da meistens weiteres der Fall ist, und meine Wut die Situation nur noch ungemütlicher und schlimmer macht, versuche ich, direkt gegenzusteuern und lieber Verständnis für meinen Körper aufzubringen. Er kann nichts dafür, dass er krank ist.

      Zum Thema Hilfe annehmen habe ih auch einen Artikel geschrieben, der noch mehr in die Tiefe geht. Du schaffst das!!! <3

      http://chronisch-fabelhaft.de/2017/10/19/hilfe-bei-ms-annehmen/

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