Gehhilfen bei MS – was du wissen musst und warum sie Selbstbestimmung schenken

Dieses Interview gibt es auch als Podcast – und zwar HIER: LINK to Podcast

*Werbung* – Kooperation mit byACRE

Titelbild by Kira Dodillet

In diesem Interview gehe ich endlich mal auf ein so wichtiges Thema ein: Auf Gehhilfen und Hilfsmittel bei MS. Es geht um die Wahrnehmung dieser in der Gesellschaft, um die Nutzung und Beantragung dieser – und vor allem darum, warum sie ein ganzes Stück Sicherheit und Lebensqualität zurückgeben können.

Im Interview getroffen habe ich Britta (yoga-ms.de), Yogalehrerin und selbst seit 30 Jahren mit MS diagnostiziert, und Kira (mademoisellemyelin.de), die seit zwei Jahren MS hat, gelernte Krankenschwester ist und nun im Sanitätshaus arbeitet.

Samira: Britta, als ich dich im Sommer 2018 das erste mal gesehen habe, war ich sehr beeindruckt – du wirktest einfach unglaublich stylish und chic auf mich. Ich sah dann auch, dass du einen Gehstock nutzt. Wie siehst du das, kann ein Hilfsmittel denn auch dem eigenen Stil entsprechen? Denn unser Modebewusstsein hört ja nicht einfach auf wenn wir ein Hilfsmittel benötigen…

Hier findest du das Interview als Podcast!

Britta: Auf keinen Fall tut er das! Ich habe meinen ersten Gehstock in London gekauft in einem Antiquitätengeschäft. Dort habe ich auch die ersten Erfahrungen mit dem Stock gemacht und war überrascht wie positiv diese waren. Plötzlich wurde mir in die U-Bahn ein Platz angeboten! Das war meine erste Gänsehauterfahrung mit Gehhilfe und ich muss sagen – ich liebe ihn. Auch wenn ich ihn nicht immer brauche, ist es doch schön zu wissen dass ich mit ihm endlich gesehen werde Als Mensch der unsicher geht, und es wird Rücksicht genommen. Natürlich spielt auch die Mode eine Rolle! Man kann auch mit Stock sehr würdevoll laufen.

Picture by Ketut Subiyanto via pexels.com

Samira: Wie Selma Blair bei den Oscars mit ihrem Stock! Sie wirkte so stark und selbstbewusst. 

Kira, bei dir kommen sicher auch viele Menschen in den Laden die zögern, sich ein Hilfsmittel zuzulegen, oder?

Kira: Ja, das ist wirklich bei allen Hilfsmitteln so, sogar bei etwas kleinem wie einer Kniebandage. Die müssen wir manchmal dann auch in speziellen Designs bestellen, damit sie gefallen.

Samira: Ich verstehe das schon, es ist ja auch etwas das mich in meinem Alltag begleitet. Ich würde ebenfalls darauf achten, dass es auch gut aussieht, wenn es so nah an mir dran ist. Es ist ein großer Schritt sich ein Hilfsmittel zuzulegen und viele zögern oder schämen sich vielleicht auch.

Britta: Genau wie bei Kathetern! (HIER findest du Brittas Blogartikel dazu) Das war eine große Überwindung, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr missen. Ich habe lange mit mir gehadert, aber heute möchte ich sie nicht mehr missen. Und dann ist es auch egal welche Farbe sie haben (lacht).

Kira: Ich versuche den Menschen immer zu vermitteln, dass es wirklich nicht schlimm ist, ein Hilfsmittel zu verwenden. Außerdem biete ich gleich verschiedene Modelle und Farben an, um da ein wenig die Scham und die Angst zu nehmen. Ich selbst trage Kompressionsstümpfe, und ich gehe damit offen um. Hilfsmittel können so viel Lebensqualität zurückgeben!

Samira: Du bist ja auch eine sehr stylishe Frau – es ist gut zu hören, dass Style und Hilfsmittel sich nicht ausschließen müssen und dass du damit selbstbewusst umgehst.

Wir sind ja hier von byACRE  zu diesem Interview zusammengeführt worden, einem dänischen Hersteller von sehr leichten Rollatoren. Kira, du hast einen der Rollatoren als Frau vom Fach getestet. Wie waren denn deine Erfahrungen damit, wie und wo hast du getestet?

byacre
Photo by Kira Dodillet

Kira: Erstmal habe ich den Rollator in der Wohnung hier in Hamburg getestet. Das Paket war sehr leicht hochzutragen, leichter als viele Rollatoren die ich kenne. Viel Zusammenbauen musste ich nicht, der byACRE kommt vormontiert und ist da sehr handlich. Teppichkanten, Schwellen, ins Bad rein – das hat er alles problemlos gemeistert. 

Ich habe ihn auch draußen getestet – auf Wegen, Gehwegplatten und im Park auf dem Rasen. Ich kann tatsächlich nur gutes sagen, er ist sehr leicht und wendig, und das bei dem geringen Gewicht. Generell wirkt er sehr stabil, das war mir wichtig.

Samira: Und wie haben die Menschen reagiert? Du schreibst in deinem Blogartikel über den byACRE, dass geguckt wurde. Wie denn?

Kira: Es wurde nicht geglotzt, das nicht – eher hatte ich das Gefühl dass viele beeindruckt waren, wir waren ja immerhin zwei junge Frauen mit einem so modernen Rollator. Das hat bei einigen das Interesse geweckt. Abwertend hat aber keiner geguckt.

Britta: Ich hätte auch wirklich keine Bedenken, mit einem Stock auf ein Konzert, in die Disko, zu einem Essen zu gehen. Warum nicht – wenn wir es brauchen? Dann gehe ich sicherer und sehe auch nicht aus als wäre ich betrunken. Ich stehe dazu, weil es gut ist. Der Stock ist etwas positives für mich.

Gehhilfen bei MS
Picture by Sebastian Erwin via pexels.com

Samira: Es tut gut, das so zu hören – denn die Angst vor einer Gehbehinderung ist ja schon bei vielen Menschen mit MS präsent. Auch ich bin davon nicht zu 100% frei, aber es ist schön zu hören dass es etwas gibt, das uns befähigen kann. 

Britta: Rollatoren haben eben immer noch diesen altmodischen Charakter. Dabei ist die Qualität der Hilfe so so groß! Und mittlerweile sehen die Firmen eben nicht nur, dass es praktisch sein muss, sondern dass es auch cool und ansehnlich sein soll. Und so einstellbar, dass er passt! Ich bin 1,78m groß – wenn ich einen Rollator brauche, dann will ich doch aufrecht daran gehen. Das muss einfach gewährleistet sein. 

Samira: Das macht ja auch psychisch etwas mit einem, wenn man sich nicht so krümmt und kleinmacht. 

Kira: Absolut! Ich sehe manchmal ältere Menschen am Rollator, zu denen ich am liebsten hingehen würde und den Rollator richtig einstellen würde. Sonst zieht man sich damit nur neue Probleme zu. 

Samira: Worauf muss man noch achten, wenn man einen Rollator braucht und wie geht man vor?

Kira: Man bekommt ein Rezept beim Arzt. Dann muss sich bei der Krankenkasse informiert werden, das kann man manchmal online machen, denn Krankenkassen haben verschiedene Vertragspartner. 

Ist das geklärt geht man ins zugewiesene Sanitätshaus. Man sollte auch wissen ob man etwas dazuzahlen kann und möchte, und was man sich so grob vorstellt. Wo will ich ihn nutzen? Soll er in ein Auto passen? Ich empfehle auch immer, eine Begleitperson mitzunehmen um noch eine zweite Meinung zu bekommen. In meinem Blogartikel habe ich das noch mal genauer beschrieben. 

Samira: Wie ist das denn mit den verschiedenen Belastungen, wie kann am Rollator fit bleiben und seinen Körper gut unterstützen?

Britta: Am wichtigsten ist wirklich die Aufrichtung der Wirbelsäule. Die Stabilität der Rückenmuskulatur. Ich hab auf der byACRE Seite gesehen, dass dort auch Übungen mit dem Rollator gezeigt werden. Das finde ich großartig, da wurde ich gleich kreativ: Was kann man damit noch machen?
In der Yogagruppe die betreue ist auch eine junge Frau mit Rollator, wir sind oft draußen im Park. Mittlerweile ist der Rollator nicht nur für sie, sondern auch für die anderen Teilnehmer*innen ein total fester Bestandteil, eben ein Hilfsmittel für die Stunde geworden. Ein Rollator ist also nicht nur ein Vehikel, sondern auch ein Trainingsgerät! Man kann man die Beine anheben, sich setzen und die Schultern nach hinten rollen – damit man dort entspannt bleibt. 

Samira: Ein bisschen wie ein Fahrrad – Fortbewegungsmittel, Sportgerät – und auch noch dem eigenen Stil angepasst. Kira, beim byACRE sind die Griffe ja tatsächlich umgedreht, was bei der Aufrichtung hilft. Konntest du das auch so empfinden?

Gehhilfen bei MS
Picture via byacre.com

Kira: Ich war erstmal verwundert, weil die Griffe und Bremsen aussahen als wären sie falschrum angebracht. Es war dann aber total entspannt für meine Hände, mit denen ich MS-bedingt Probleme habe. Außerdem war es einfacher, in den Rollator hinein zu laufen.

Samira: Glaubt ihr denn, die Wahrnehmung von Gehhilfen und deren Nutzung hat sich in den letzten Jahren ein wenig verändert? Vielleicht auch durch Social Media?

Britta: Absolut! Gerade wenn junge Menschen diese nutzen. Da ist schon einiges passiert, und gerade moderne und neue Geräte – das macht die Leute neugierig. Und mit diesen Geräten kommt man dann auch weg vom „alt und behindert“ Stereotyp sondern sieht eben, dass hier jemand befähigt wird. 

Kira: Ich denke auch, es hat sich total viel getan. In der Wahrnehmung, aber auch in der Technik. Was es da alles gibt, das ist der Wahnsinn und sehr modern. Es kommen immer wieder neue Modelle. Mir fällt auch auf dass viele ältere Damen besonders modebewusst sind. Es muss alles zusammenpassen und klassisch aussehen. Menschen wie Selma Blair schaffen zudem eine große Aufmerksamkeit und sie helfen dabei, dass Menschen sich nicht dafür schämen, mit einem Hilfsmittel vor die Tür zu gehen. Es ist viel passiert und ich wünsche mir, dass diese Aufklärung weiter so voran geht.

Samira: Kira, das ist ein wunderschönes Schlusswort und dem kann ich nicht viel hinzufügen. Ich hoffe wir konnten zu dritt ein wenig Angst nehmen und ein paar Anhaltspunkte und Denkansätze geben.

Vielen Dank an byACRE – und natürlich an euch zwei für eure Zeit!

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Nutzt du ein Hilfsmittel oder hast du weitere Fragen dazu? Wie siehst du die Wahrnehmung von Gehhilfen in der Gesellschaft? Lass uns darüber sprechen – hinterlass gern ein Kommentar!

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