Neue Hoffnung: Wie ich durch die MS meine Liebe zur Kunst entdeckte

Dies ist ein Gastartikel von Lilly, für den ich mich herzlich bedanke. Du findest Lilly HIER auf Instagram.

Wie alles Begann – meine MS Geschichte

Mein Name ist Lilly, bin heute 35 Jahre alt und bin seit dem 09.02.2018 Multiple Sklerose diagnostiziert. Ich muss die Krankheit den MRT Bildern nach schon länger haben, die ersten wirklichen Anzeichen hatte ich jedoch erst im November 2017. Meine Oberschenkel kribbelten und fühlten sich merkwürdig taub an. Ein paar Tage später, es war mein 33ter Geburtstag, war wie so oft morgens vor der Arbeit im Fitnessstudio, als ich eine Taubheit in meinem rechten kleinen Finger bemerkte. Das fand ich schon sehr merkwürdig, dachte aber eher an einen eingeklemmten Nerv, wird schon wieder weg gehen, dachte ich… dem war diesmal aber nicht so. 

Als ich nach ein paar Tagen dann doch zum Hausarzt ging, weil ich es diesmal doch nicht auf die leichte Schulter nehmen konnte, wies der mich gleich ins zuständige Krankenhaus ein, in die Neurologie. Dort wurde ich klinisch untersucht, hatte sogar schon das Lhermitte Zeichen, wurde aber wegen Unauffälligkeit wieder nach Hause geschickt – wenn es schlimmer wird, solle ich mich wieder melden. 

„So schlimm wird es dann ja wohl nicht sein” dachte ich mir, und beschloss dass ich diese Taubheit einfach ordentlich über Weihnachten und Silvester wegfeiern würde! Da hab ich mich auch nicht lumpen lassen und alles gegeben 🙂 

Bin dann symptomfrei ins Jahr 2018 gestartet und begann eine Physiotherapie. Dort verwies man mich erneut ins Krankenhaus wo ein MRT, Blutcheck und Lumbalpunktion folgten. Nach zwei Nächten im Krankenhaus nannte man dann immerhin ziemlich schnell das Kind bei Namen.

Image by Lilo
by Lilly – Lilo In Frames

Wie es heutzutage wohl anscheinend üblich ist, bekam ich im Vorbeigehen gesagt, dass ich ab sofort eine MS – Patientin bin.

Die Welt stand kurz still… manche kennen das. Ich? Das kann doch nicht sein? Und jetzt???  

Nach den drei Tagen am Tropf wollte ich nur noch nachhause, da ich erstmal klare Gedanken in meinem gewohnten Umfeld bekommen wollte… doch mich erwartete eine Achterbahn aus Angst und Schmerzen, die 6 Wochen klang andauerte.

Nach zwei Wochen ging ich trotzdem wieder zur Arbeit, da ich ein schlechtes Gewissen hatte… Wenn ich so zurückdenke, ist es für mich heute unvorstellbar wie ich mit mir umgegangen bin.

Ich war 15 Jahre inklusive Ausbildung als Tierarzthelferin tätig, die einzige Fachkraft, und ich setzte mich sehr unter Druck weiterhin zu arbeiten.

Alles für die anderen, und ich selbst kam für mich immer zuletzt. 

Ich schaffte es irgendwann mich aus dem Cortison-Loch herauszukämpfen, stellte meine Ernährung um, trieb wieder Sport…  Ich entdeckte die Welt neu für mich, und doch versuchte ich es weiterhin jedem recht zu machen. Mehr Arbeit, mehr Leistung, weniger ich.

Irgendwann entschied ich, mein Arbeitsumfeld zu verlassen, auch wenn ich meinen Job an sich wirklich sehr geliebt habe. Mein Körper hat mir eindrucksvoll gezeigt dass ich neue Wege gehen muss.

Leider wurde mir dann überraschend, und früher als vereinbart letztes Jahr im Herbst gekündigt. Diese Kündigung hat mir sehr zugesetzt und ich hatte den Schub meines Lebens. Ich fühlte mich wie eine wandelnde Leiche, kraftlos und ausgezehrt. Unfähig mich für irgendetwas zu begeistern, selbst für meinen geliebten Sport konnte ich mich nicht mehr aufraffen. Ich fühlte mich so leer und abgeschoben, wie eine Aussätzige, depressiv… 

by Lilly
Jahre später hat Lilly ihre Kunst – und wieder zu sich selbst gefunden

Im Januar 2020 fand dann zum Glück meine Reha statt.

Ich hatte die Vorstellung, dass ich dort hingehe und nach den 4,5 Wochen wieder als ein neuer, fitter Mensch rausgehe. 

Letztendlich ging es mir während der Reha nicht gut, meine Symptome verstärkten sich. Ich fühlte mich allein und einsam, obwohl dort echt tolle Menschen mit mir waren. Was soll ich sagen? So ist das halt wenn man davor den Zusammenbruch seines Lebens erlebte… 

Eine gute Sache hat mir die Rhe aber gebracht: Eine regelmäßige Stunde mit Frau Ott, Therapeutin und Aquarellkünstlerin in der Klinik. Sie bot einen kostenlosen Aquarellworkshop an, Und ich dachte mir so hey, wenn es hier sonst so grau und nebelig ist, (und das war es dort zu der Zeit wirklich) probiere es doch wenigstens mal wieder mit der Kunst!

Eigentlich wollte ich schon immer “was mit Kunst” machen, aber da ich mich in meinem Leben schon sehr früh um mich selber kümmern musste, habe ich erstmal den anderen weg, der normalen Berufsausbildung für mich gewählt. Ab dem ersten Samstag bei dieser wunderbaren Frau, merkte ich aber wieder was zwei Jahrzehnte bei mir im Verborgenen geschlummert hatte.

Frau Ott zeigte mir ab der ersten Minute mit ihrer Begeisterung für die Kunst, dass das Leben nicht nur grau ist. Dass man sein Leben mit Farben wieder selbst neu gestalten, und das kreative Kind in sich wieder herausk(r)itzeln kann.

So habe ich vier Samstage mit ihr verbringen dürfen, und meine Liebe zu den Aquarellfarben entdeckt. 

Wenn alles im Leben aus einem Grund passiert, dann auch dass diese Frau in mein Leben gekommen ist.

Kunst und MS
Die Mohnblumen waren das erste Aquarell, dass Lilly in der Reha gemalt hat

Ich bin ihr bis heute so unendlich dankbar das sie mir allein mit ihrer Präsenz und Güte einen neuen Weg geebnet hat. Denn auch wenn ich nach den insgesamt 5 Wochen Reha nicht fitter und energiegeladener nachhause gereist bin, hatte ich immerhin den Entschluss gefasst wieder malen zu wollen. So dauerte es nicht lang, und ich kaufte mir mein erstes noch preisgünstiges Aquarell Equipment. Jeden Funken Energie, den ich zu über hatte, und das war manchmal nicht viel – tagelang war auch komatöser Fatigue Stillstand – investierte ich in die Malerei.

Zu dem Zeitpunkt kamen schon Menschen auf mich zu, denen meine ersten Anfängerarbeiten gefielen, und so legte ich mir ziemlich schnell erst Standard-, dann Profiequipment zu. Ich malte um Leuten eine Freude zu machen, verschenkte natürlich sehr gerne alle meinen ersten Bilder. 

Das Leben wurde wieder bunter und bekam einen Sinn.

Ich hatte wieder etwas, das ich den Menschen geben konnte. Als die erste Kaufanfrage für eines meiner Bilder kam wunderte ich mich sehr, ich konnte es nicht glauben!

MS und Kunst
Das Leben war plötzlich wieder bunter

Bis heute “verkaufe” ich meine Bilder zwar nicht, aber ich habe für mich einen Weg gefunden, mein teures Hobby und letztendlich auch mir selbst das Coimbra Protokoll zu finanzieren. Denn mit dem Protokoll liebäugelte ich schon seit nunmehr zwei Jahren. Da man die Kosten aber leider alleine tragen muss brauchte ich Geld – und fing an meine Werke gegen eine angemessene Spende im Freundes- und Bekantennkreis zu verkaufen.

Da ich ja so gesehen erst seit Anfang des Jahres male und oft tagelang keinen Pinsel halten kann/konnte, und es deswegen auch mal seeehr lange gedauert hat bis ein Bild überhaupt fertig wird, kann ich damit nicht reich werden, das ist klar. Ich bin momentan auch noch weit davon entfernt, mich mit meiner Kunst selbstständig zu machen. Aber: vielleicht irgendwann. 

Ich bin nun seit zwei Monaten im Protokoll, dank meines tollen Umfeldes und meiner Unterstützer, und mir geht es seitdem auch endlich merklich besser. Nach wie vor kann ich keinem geregelten Arbeitstag nachgehen, aber wer weiß?

In dem letzten dreiviertel Jahr ist im Innen, und auch im Außen so viel passiert, dass heute wieder alles möglich erscheint. 

Die Malerei hat mir mein Selbstvertrauen in mich zurück gegeben, mir gezeigt das man aus allem Schlechten noch was Schönes bauen kann, und andere daran teilhaben lassen kann. Auch wenn das Ganze eine ziemlich turbulente Zeit für mich war, bin ich heute mehr als dankbar dass alles genau so gelaufen ist.

Art by Lilly
Einer meiner Favoriten von Lilly: Diese wunderschöne Frida

Denn nur der, der ganz unten war, kann den Ausblick von oben wieder genießen.

Auch dir liebe Samira möchte ich vom Herzen danke sagen, denn dein Blog hat mich von der ersten Stunde nach dem Krankenhaus begleitet, deine Podcasts und Bücher haben mir immer wieder Mut gegeben, auch wenn ich nicht mehr weiter machen wollte. Ich bin froh das auch du den Mut hattest, aus der Diagnose etwas zu erschaffen, das anderen wieder Lebensmut und Freude gibt. Danke für dich!

***

Hast auch du durch ein Hobby neuen Mut gefasst, hast du durch die MS vielleicht verborgene Talente in dir entdeckt? Teile deine Geschichte mit Lilly und mir und hinterlasse einen Kommentar!

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