8 Gründe, warum wir dank MS besser mit der Corona-Krise zurecht kommen

Oft kommt es nicht vor, dass ich der Meinung bin, dank der MS einen gewissen Vorteil meinen Mitmenschen gegenüber zu haben – also denen ohne chronische Erkrankung.

Doch momentan liest und hört man ja nur noch Corona (sorry – in dem Fall auch bei mir). Und ich sehe wie alle meine Freunde und Bekannten sich in den sozialen Medien echauffieren. Wie kann es sein dass man nicht rausdarf? Und die Kneipe hat auch zu? Und wir hatten uns doch so auf den Urlaub gefreut.

Und dann müssen ich und viele andere Menschen mit MS (oder einer anderen chronischen Krankheit) auch so ein bisschen Schmunzeln.

Weil wir das kennen. Weil das unser täglich Brot ist. Und weil wir es immer wieder schaffen, uns da irgendwie rauszumanövrieren, um nicht völlig durchzudrehen.

Deswegen gibt es heute von mir für dich acht Gründe, warum wir dank unserer Krankheit mental besser für die Corona-Krise gewappnet sind.

Ein Wort vorab: Natürlich ist nicht alles Sonnenschein und super. Bestimmte MS-Therapien können dafür sorgen, dass man als Risikopatient*in zählt, Menschen die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind tragen auch ein höheres Risiko. Viele Menschen bangen um ihre finanzielle Existenz (me too, by the way). Es geht hier also nicht darum, etwas zu verharmlosen oder zu sagen, das wäre alles super. Es geht lediglich darum, dich zum Lächeln zu bringen und vielleicht ein paar positive Gedanken zu streuen.

Nachdem wir das geklärt hätten – los gehts!

1. Wir haben alle schon mal das Gefühl gehabt, unser Leben wird nie wieder das gleiche sein

Ich kenne keinen Menschen mit MS, der nach der Diagnose nicht in ein tiefes Loch gefallen wäre. Plötzlich scheint nicht mehr so wie es war, plötzlich ist alles ungewiss, wir haben unendliche Angst… Been there, done that. Für uns ist das leider nichts neues.

2. Vieles finden wir schon lange nicht mehr selbstverständlich 

Der Spaziergang im Park, mit Freunden treffen, zur Hochzeit von Freunden aufs Land fahren… was für viele Menschen Alltag ist, ja, manchmal sogar nervt, ist für uns immer eine Frage des Moments. Heute gehts, morgen vielleicht nicht… und wenn es geht, dann freuen wir uns darüber. Ja, auch über kleinste Kleinigkeiten. Das bleibt uns auch in der Krise erhalten.

3. Das Gefühl, sozial isoliert zu sein, kennen wir 

Manche Menschen mit MS haben es schwer, das Haus zu verlassen. Sei es chronische Erschöpfung, die Fatigue, Gangprobleme oder Depressionen. Leider kennen wir das Gefühl sozialer Isolation nur zu gut. Deswegen können wir bei manchen Klagen unseres Umfelds nur den Kopf schütteln – für die ist das immerhin bald wieder vorbei. Während manche von uns momentan nicht mehr oder weniger isoliert als sonst auch sind. Leider.

Selma Blair Multiple Sklerose
Picture by Erik Schütz

4. Wir haben gelernt, Hilfe anzunehmen

Dass wir nicht alles allein schaffen müssen, haben viele von uns bereits irgendwann einsehen müssen. Und wie erleichternd es sein kann, auch mal jemanden um etwas zu bitten oder einen Gefallen anzunehmen! Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten. Und das heißt: Helfen, und sich auch helfen lassen. Immerhin kann die Krise so für die Gesellschaft eine Stärkung darstellen (auch wenn diese Stärkung sich immer noch nicht auf die Menschen bezieht, die an den Außengrenzen Europas sterben und damit ist dieses Heititei auch ziemlich oberflächlich. Aber anderes Thema).

5. Langes Warten auf einen Termin beim Arzt? Welcome to our lives!

Schon lustig, wie gerade manche Menschen das erste mal realisieren, wie im A**** unser Gesundheitssystem ist. Wir haben uns mittlerweile schon eine wirklich dicke Haut zugelegt, wenn es darum geht, einen Termin bei einem Arzt – besonders bei einem Spezialisten – zu bekommen. Deswegen machen wir manchmal Termine schon 6 Monate im Voraus, einfach weil wir es gewöhnt sind und unser gefühlt halbes Leben mit dem Machen von und Warten auf Termine verbringen. 

6. Wir wussten auch schon davor, wie wichtig Ärzt*innen und Pfleger*innen sind

Denn wir haben schon oft von ihnen abgehangen. Sei es im Krankenhaus nach einer Kortisongabe, sei es bei einem Termin bei der Neurologin die sich auch mal Zeit genommen hat, um uns zehn Minuten lang heulen zu lassen. Ja, manchmal treiben sie uns zur Weißglut und wie fühlen uns unverstanden. Aber ich habe auch schon wirklich oft tiefe Verbundenheit für die Menschen empfunden, die im Krankenhaus arbeiten und dabei helfen, dass es mir besser geht. Du auch? 

7. Im Pläne ändern und verschieben sind wir geübt

Schon früh mussten wir feststellen, dass es sich schnell rächt, wenn wir auf Teufel-komm-raus unsere Pläne durchboxen. Wir wissen, dass es manchmal einfach vonnöten ist, Dinge abzusagen, zu verschieben oder umzuplanen. Da haben es Menschen, die es gewöhnt sind dass alles immer so klappt wie sie es sich vorgestellt haben, deutlich schwerer.

MS Meditation
Picture by Erik Schütz

8. Wir haben einen Umgang mit uns gefunden, der uns erlaubt, Ruhe zu finden

Es sind turbulente Zeiten. Die Nachrichten machen Angst, die Nachbarn laufen mit Aluhut rum, das Internet ist voll mit Videos von Menschen die witzige Sachen machen, unsere Arbeit ist unsicher. Puh. Ganz schön viel. Zu viel, ja.

Doch wir kennen dieses Leben mit der Unsicherheit, mit Ängsten, mit Zweifeln. Wir haben eine Technik entwickelt, mit der wir unsere aufgewühlten Gedanken beruhigen könnendas geht zum Beispiel mit einer solchen Meditation. Wir reden uns gut zu, wir glauben daran dass alles besser wird. Wir haben gelernt, in uns zu Ruhen und Vertrauen zu haben.

Fallen dir noch weitere Gründe ein, warum Menschen mit MS oder einer anderen chronischen Krankheit besser mit der Corona-Krise zurechtkommen? Schreib sie gerne in die Kommentare! Ich bin gespannt 🙂 Bleib so gesund wie es geht und gib auf dich acht.

MS Buch

6 comments

  1. “Ich kenne keinen Menschen mit MS, der nach der Diagnose nicht in ein tiefes Loch gefallen wäre.”
    Echt nicht!? Here I am.
    Als ich mir einen Ast ins Auge gehauen hatte, danach verschwommen sah, es aber Tage nicht besser wurde, wusste ich, was auf mich zukommen könnte, wenn ich wieder zum Augenarzt ginge. Es folgte die Augenklinik und dann die Neurologie. Gut, ein CIS, aber ohne weitere Differentialdiagnose, zumindest laut Arzt, also MS. Aber egal, wer weiß, vielleicht war’s das auch schon. Irgendwie las ich Wikipedia und Co schon 2009 so, dass es nicht das Ende der Welt bedeuten müsse. Drei Jahre damit gechillt und weitergemacht als wäre nie etwas gewesen. Dann die ganze rechte Seite kribbelig taub. Das war fies, hat lange gedauert und Spuren hinterlassen. Nebenbei auch die endgültige Diagnose, whatever, war eh klar. Aber auch das hat mich nur semi geschockt. Ich wusste es ja. Und es gab Schlimmeres als das. Erst gut 5 1/2 Jahre nach meiner Sehnerventzündung und damit dem ersten (klaren) Symptom, kam der Hammer. Schwäche in den Beinen, vor allem rechts, und fiese Fatigue. Zu der Zeit war ich nicht wirklich in Behandlung und hatte auch keinen Neurologen des Vertrauens. Ich hab es auch nicht wirklich gecheckt. Etwas später vermittelte meine Dermatologin (Psoriasis) mich glücklich. Aber es war zu spät fpr diesen Schub und es blieb mehr oder weniger alles da. Erst da holte mich die Diagnose ein. Erst da wurde mir klar, dass ich wirklich eine chronische Krankheit und nicht nur verschiedene Autoimmunreaktionen habe, die ja erst mal machen können, was sie wollen. Es dauerte also 5 1/2 Jahre ab der Diagnose bis der echte Schock kam. Aber die Diagnose selbst war für mich kein Thema. Das kam erst, als es unausweichlich war.
    Jetzt kennst du jemanden, dem die Diagnose erstmal egal war. Bis die Reaktion zur Krankheit würde…

    1. Danke dir für die Schilderung! Es ist toll, dass hier auch andere Geschichten erzählt werden. Ich wünsche dir alles Gute.

  2. Liebe Samira,

    heul, ich bin todnglücklich und kann leider im Moment gar nichts positives in irgendwas sehen. Vor 2 Stunden und 20 Minuten wäre ich in Bilbao gelandet, um morgen meinen Camino del Norte zu starten und ich bin einfach nur traurig und nichts zieht mich aus dem Loch in dem ich gerade sehr tief stecke. Kaum kann ich mal über den Rand schauen, bam, bekomme ich gleich wieder eine rein. Du schreibst immer so positiv und aufmuntert, hast Du bitte ein paar liebe Zeilen für eine unglückliche Pilgerin die versucht Ihrer Krankheit davon zu laufen, da sie diese nach fast 3 Jahren noch immer nicht annehmen kann?
    Vor lauter Verzweiflung bin ich heute 25 km im Bogen hier um meine Heimat gelaufen und ja,es war schön, das Wetter ein Traum und ich muss heute Nacht in keiner überfüllten Herberge schlafen, aber meine Seele blutet so unendlich…
    Deine Susi

    1. Liebe Susi,
      es tut mir unglaublich leid dass du heute nicht starten kannst. Das muss so unglaublich schwer sein… Ich selbst musste meinen Freund in Thailand zurücklassen, ohne zu wissen wann ich ihn je wieder sehe. Diese Situation ist unglaublich schwer zu ertragen, ob krank oder nicht.
      Ich finde du hast eine wirklich gute Lösung gefunden, indem du einfach losgelaufen bist – denn am Ende ist es ja egal, wo wir das tun. Ich selbst wandere und laufe momentan auch viel in meiner Umgebung, einfach nur um in diesen meditativen Status zu kommen. Auch wenn es natürlich nicht das gleiche ist.
      Ich glaube es ist wichtig, sich das vor Augen tau führen: Gerade ist nichts “das selbe” wie vorher. Es geht auch nicht darum einen 100% Ersatz zu finden. Es geht darum, die Situation so gut wie möglich zu meistern. Und auch mir gelingt das nicht immer, ich habe gerade auch fünf Tage lang wirklich gelitten und mich einsam gefühlt. Ich wusste aber auch immer: es geht vorbei, und es geht weiter.
      Ich hoffe, du findest einen Weg für dich. Der Jakobsweg ist schon seit hunderten von Jahren dort wo er war, und er wird auf dich warten. Und dann wird es doppelt schön. Du schaffst das, halt durch! deine Samira

  3. Ich bin, wie ich bin und kein anderer.
    Als ich die Diagnose Diabetes Typ 1 nach 5Wochen Schulimpfung bekam (mit 6Jahren) waren die erste Frage meines Dads, wie es mir geht eine Erleichterung. (war 6Wochen im Krankenhaus dafür) und mit meiner Antwort, dass ich besser dran bin, wie die Kinder (Alter war mir damals egal) in Afrika, die kein Essen oder Trinken bekamen, hab ich ihn sehr zufrieden gemacht, was er mir nie bestätigt hat.

    Als ich die ersten MS-Schübe bekam, war meine Mutter überfordert und bezichtete mich des ‘fausein’. Das hat mich schwer getroffen, weswegen ich zu meinem Freund zog.
    Als er dasselbe von mir annahm, hab ich ihn dafür anfangs gehasst, aber nachdem er mir immer wieder geholfen hat, begriff ich, dass er mich wirklich liebte, wahrscheinlich genauso wie meiine Ma^^ deswegen wars n Meilen-stein, als man die neue-entstandene Epelepsie entdeckte.
    Nun ja, nachdem i n Kommentar darüber gelesen hab, dass die Insulin-Therapie langfristig zu Krebs werden könnte, versuch i nu mehr Sport/Hausarbeit+Kräuter aus den alten Hausfrauen/männern in mein Alltag zu bringen. Oder Komments genauer zu lesen ^^
    PS ich hatte 3Impfungen … meine Oma war Krankenhaus-Oberärztin und verweigerte mir als Baby jegliche Impfungen… so im Nachhinein, wars keine schlechte Empfehlung!!!

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