5 Tage Kortison bei MS – Bericht einer Leserin

*Dieser Artikel war ursprünglich der Kommentar einer Leserin meines Blogs. Ich habe sie um die Erlaubnis gebeten, diesen teilen zu dürfen, da er wie ich finde sehr eindringlich beschreibt, wie sich Kortison bei MS oftmals anfühlt. Vielen Dank an dieser Stelle!*

Tag 1:


Ein ganzes Blisterchen, 10 Tabletten, immer 2 auf einem Löffel mit Apfelmus. Bah ist das bitter. Und schon ein paar Stunden später geht es los. Darf zum Glück Home Office machen (ich drehe durch, wenn ich nichts zu tun habe). Stehe im Vorraum mit dem Laptop in der Hand, um ihn einzurichten und starre Löcher in die Luft.

Es knallt schon gut rein, ich merke wie sich die Geschwindigkeit meines Gehirns in ein 64k Modem verwandelt (er loadet noch). Blöd, dass der Firmenchef in dem Moment auch da ist. Druck im Kopf, Schwindel und so eine Art Nulllinie der Emotionen. Morgen ist übrigens Silvester. Das Glas Sekt lasse ich mir nicht nehmen.

Tag 2


Silvester
Habe 2 kg zugenommen. Und ich weiß, es ist nur Wasser aber es regt mich trotzdem auf. Der Druck im Kopf ist schlimmer, mir ist Übel und irgendwie sehe ich noch immer verschwommen. Ich rate mir zur Geduld und weiß doch, ich habe keine 

Tag 3


Na gut… es waren zwei Gläser Rotwein. Und leider ist die emotionale Nulllinie verschwunden. Stattdessen kommt da so ein schwarzes Loch, legt sich vor mich und sagt: Na? Reinspringen?

Ich hasse mich, meinen Freund und die Welt. Ich träume davon, nicht mehr aufwachen zu müssen und denke über Abschiedsbriefe nach. Und sage mir: das ist der Kortison Teufel. Das geht vorbei. Die Welt ist eigentlich schön.

Tag 4


Leider keine Besserung. Oder doch? Mal ja, mal nein. Kommt und geht. Mitsamt dem Schwarzen Loch, wobei ich das Gefühl habe, dass es immer länger bleibt. Miststück.

Tag 5


Nur noch heute, dann kommt der Entzug. Fast geschafft. Das schwarze Loch sitzt da unheilvoll und grinst mich an. Mir ist meine Wohnung zu eng, es sieht schrecklich aus und ich habe mich hauptsächlich vom Lieferdienst ernährt (darf ja dank Corona nicht einkaufen gehen).

Normalerweise ernähre ich mich gesund und vollwertig, jetzt liegen hier Pizzaschachteln und Aluschalen. Bäh. Mir wird übel, wenn ich nur an Essen denke… aber ich habe so Hunger.

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Entzug Tag 1


Ausschlafen. Druck geht nochmal hoch. Schwindel, Übelkeit. Nachmittags setzen die Druckschmerzen ein (ich weiß nicht, wie manche das als Muskelkater beschreiben können. Die hatten wohl noch nie Muskelkater).

Sehe zum ersten Mal in den Spiegel und falle fast in Ohnmacht. Wie kann dieser Hals nur dieses Vollmondgesicht halten? Und stolze 6 kg mehr auf der Waage. Fühle mich wie ein schwabbeliger Schwamm. Ich ekle mich vor mir selbst.

Entzug Tag 2


Nur am Pinkeln und Schlafen. Kopfschmerz über den gesamten Schädel. Heftigste Depressionen. Was, wenn es eine PML ist? Bin dankbar über die Aussicht, sterben zu dürfen.

Entzug Tag 3


Übelkeit, Schwindel. Noch mehr Toilette. Dazu kommen noch Magen-Darm Beschwerden. Ich sage mir: bald ist es überstanden. Google, wie lange es dauert, bis Cortison aus dem Körper raus ist und finde zahlen zwischen 2 Wochen und 6 Monaten. Jippiiiee.

Entzug Tag 4 (Heute. Glaube ich. Habe jegliches Gefühl verloren)


Die Sonne scheint. Das Leben ist schön. Die Angst ist noch da, dass es wieder kommt. Aber doch: ganz langsam geht das schwarze Loch weg.

MS Buch

1 comment

  1. Wow! Tough!
    Bin ich froh, dass ich nie so etwas machen musste/ wollte/ sollte.
    Meinen letzten Schub (September 2020) habe ich mit hochdosiertem Vitamin D überstanden. Eine Woche doppelt soviel wie normal. Habe es dann hinterher meinem PA gestanden. 😉
    Hab das Laufen wieder zurück bekommen.
    Kortison wäre für mich [sic!] nie eine Alternative.

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